Samstag, 13. August 2011

IX Chojand bis Almaty

Vorbemerkungen des Schreibenden
Auch wenn die Texte lang sind, bis sie weggehen, halte ich mich kurz, denn ich muss ja mich schützen (ich komme schon so kaum zum Lesen und der Edgar Wallace wartet) und auch die geneigte Leserschaft. Also unterschlage ich viele Stimmungsbilder. So die Stimmung im Restaurant am Ausgangs des Passes (12.8.): Auf der Veranda vor der Tür ein alter Kirgise der essend den Verkehr beobachtet, drinnen die Jugend beim Backgammon spielen; alles sauber, gepflegt, wie aus dem Ei gepellt, einfach und immer den Möglichkeiten entsprechend; das junge Mädchen, das am Englisch lernen ist, sucht die Zahlen aus dem Wörterbuch und sagt uns den Rechnungsbetrag perfekt.




Oder das Telefonitis in diesen Ländern. Natel ist sehr billig, und dementsprechend wird in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen telefoniert: im Auto selbstverständlich, beim Essen, beim Gehen, als Zöllner, als Verkäuferin, auf unmöglichen Stöckelschuhen, in der Moschee, beim Laden des Tellers am Zmorgenbuffett, und wo auch immer. Wenn zwei Männer sich zu Tisch setzen, liegen 4 Telefone vor ihnen, denn eines zu haben, ist ja nichts, und es werden alle 4 abwechslungsweise und simultan bedient.
Und noch eine Letztes: Wir haben uns in allen Ländern immer sehr sicher gefühlt. Wir sind  am Abend durch die Städte gegangen, auch im Dunkeln, wo wir kaum etwas gesehen haben. Die grösste Gefahr waren auch hier die Schlaglöcher in den Trottoirs. Diese Sicherheit ist ein gutes Gefühl.

10.8.
Gestern habe ich noch versucht, Post VII hochzuladen und zu versenden. Im Internetcafé bin ich bald verrückt geworden. Immer wieder hat es auf kyrillisch umgeschaltet. Und die Befehle sah ich sowieso nur auf russisch, also Bahnhof. Bilder hat es keine hochgeladen, ich konnte nur den Text veröffentlichen. Das werde ich noch nachbessern.
Zwei bis drei
Heute sind wir dann wieder nach Usbekistan gefahren. Die Ausreise ging über einen völlig toten Zoll. Wir waqren das einzige Auto – diene Schlange und Drängelei immerhin – und doch dauerte die Sache insgesamt 75 Minuten. 45 davon in Usbekistan, wobei die Leute sehr höflich und hilfsbereit waren und uns auch die Formulare ausfüllten. Es war ihnen sichtlich langweilig. Ich fragte darum, wie viele Autos von Ausländern sie abfertigten. Sie sagten 2 bis 3 – pro Woche!
Bei den Tadschiken hatte die Desinfekton von vorgestern noch ein Nachspiel. Da war einer, der wollte ein Formular dafür sehen; bei der Einreise hatte ich eins gesehen, sie hatten dort aber nur ein Exemplar. Als ich nun sagte, ich hätte keines, war das ein Problem, eines allerdings, das dieser Mafioso mit 10 Dollar aus der Welt schaffte. Er steckte den Pulver ein, und meinte, wir könnten nun zur Passkontrolle. Spasiva und Dosvidanje oder danke und tschüss! Ausserdem hatte einer einen akuten Anfall von Zahnweh, als er in der Medikamentenkiste Pillen sah, die für Zahnweh waren (ich machte ihm das klar…) – er erhielt einen Streifen.
Richtung Grenze
Von Kokand hatte ich mir mehr erhofft, ausser dem Kahspalast ist es eine langweilige Stadt, mit einem öden Zentralplatz, der darauf wartet, dass die Bäume wachsen. Also weiter in Richtung Kirgistan, nach Namargan. Dort, einer grossen Industriestadt, waren, warum auch immer, alle Hotels besetzt. In einer Halle lümmelte eine ganze Fussballmannschaft herum.









Aber wir haben ja das Büssli, uns so kauften wir Früchte und Brot ein (wir hatten in Kokand Mittag gemahlt), und los in Richtung Grenze auf der Suche nach einem Nachplatz. In Uschkurgan wollte ich noch tanken, und der Polizist, den ich fragte, wo es Diesel gebe, fuhr mir zur Tankstelle voraus. Dort lud ich die letzten Sum ab und bezahlte den Rest mit Dolalr, zu eine guten Kurs. Die Sprachbarrieren überwinden wir meist problemlos.

Nachtlager

Hinter Uschkurgan war es zuerst nichts. Kilometerweise Haus an Haus, buschstäblich, alle zusammengebaut, nur Strässchen als Lücken. Und dann waren wir plötzlich am Zoll. Aber davor war ein Seitenweg, der führte uns zu einem Platz unter Bäumen, wo wir assen, Kaffee kochten (mit Appenzeller von Andrea und Bruno) und eine Brissago rauchten. Als es eindunkelte kam ein Bauer, der uns zum Essen bei sich zuhause einladen wollte. Aber wir hattenja schon gegessen. Dann schliefen wir bestens.

11.8.
Am morgen stand eine Kuh vor dem Auto, die die hütenden Kinder dort angebunden hatten. Elos Vorliebe für diese Sorte Tier ahnend, nahmen sie sie dann mit, auf meine Bitte hin. Zum Frühstück gab es Tee, Früchte (wunderbare Trauben und Pfisiche) und Brot.








Alles auseinander genommen
Am Zoll waren wir wieder allein. Die usbekischen Zöllner mussten geweckt werden, um halb neun. Alles ging gut, wenn auch im absoluten Schneckentempo. Bis ich dann bei der Gepäckuntersuchung, als sie in einer Kiste alles zunderobsi machten, wo ich doch alles so abgezirkelt platzsparend gepackt habe, bis ich dann also einen unwirschen Ton von mir gab. Roman hat in seinem Mail uns noch zur Gelassenheit geraten, ich predige diese Gelassenheit Elo immer wieder – und ausgerechnet der gelassene Baumberger flucht, der Esel.
Da haben sie alles auseinander genommen und nach Drogen und irgendwelchen Dokumenten gesucht. Die Bücherkiste wurde vollständig durchgeblättert, die Ausdrucke der Visas ausgiebig bewundert. Dann Foto und Filmapparat – dass wir diese nicht deklariert hatten, merkten sie nicht. Dann das Handschuhfach, das Werkzeug, die Kleiderkiste. Und dann wurden sie abgelenkt und haben aufgehört. Das Labtop haben sie zum Glück gar nicht gesehen, der Rucksack wurde übersehen.
Einer meinte noch, dass ich den Diesel, den ich in den zwei Kanistern auf dem Dach habe, nicht nach Usbekistan einführen dürfte. Ich machte ihm klar, dass a) wir jetzt ohne Probleme über drei usbekische Zolls gefahren seinen und das nie beanstandet wurde, und b) wir aus- und nicht einreisten. Er meinte dann nach einigem Insisitieren meinerseits: „njet problem“
Nach zwei Stunden waren wird durch. Ihr Tagwerk war wohl getan.
Die obligate Frage, wie uns Usbekistan und die Usbeken gefallen haben, habe ich ebenso obligat mit „sehr gut“ beantwortet. Sie haben ja nicht nach den Strassen, den Kontrollen, den Banken und dem Zoll gefragt. So musste ich nicht lügen.

Der kirigisische Zoll ging problemos.

In die Berge
Dann ging es in Richtung der Berge, die wir schon am Abend und frühmorgens gesehen hatten. Ist das eine Landschaft.
Kahle, ruppige Berge, deren Erde und Gestein in allen Farben von grau über braun bis stark rot leuchten und die die verschiedensten geologischen Formationen zeigen. Dazwischen kleine Ebenen, fruchtbar, sattgrün die Bäume und Felder, gelblich der reife Mais. Alles liegt am Naryn-Fluss, einem der grössten der Gegend. Er windet sich durch tiefe Schluchten, die immer wieder für Stauseen verwendet werden. Und deren Farbe ist unvorstellbar. Ein strahlendes Türkis, das sich mit der Braun Erde und dem Grün der Felder einen wunderbaren Einklang bildet.

Wir haben in einer Kleinstadt an der – sehr guten! – Strasse Mittag gegessen: Nudelsuppe Lagman und Kohl und Fleisch im Blätterteig. Ausgezeichnet auch der Tee dazu.





Am Stausee
Uebernachten tun wir wieder im Büssli, das am Ufer des grossen Tektogul-Stausees des Naryn steht. Esel gehen zur tränke ans ufer, Raubvögel kreisen über dem Wasser. Elo hat eine Mögichkeit zum Baden gefunden, ich schreibe und dann werde ich lesen und auch baden. Es ist sehr schön hier.



Schreibstuben

12.8.
Nachleben auf kirgisisch
In der Nacht um halb vier erwachte ich, als ein Auto an uns vorbei ans Seeufer fuhr. Mir war schon etwas mulmig und ich bewaffnete mich – reichlich pathetisch – mit Schlagkabel und Pfefferspray, wenn es Besoffene gewesen wären (Gangster kommen nicht mit Auto und Licht). Aber es waren, wie ich merkte, als zwei nicht zurückfuhren sondern spazierten, es waren – Liebespäärchen! Hoffentlich hatten sie es gut.
Der Sternenhimmel war, als der fast volle Mond unterging, sagenhaft. Nur die Sternbilder wie Wagen, Kassiopaia oder Orion hingen schief und am falschen Ort am Himmel. Verlass ist da nur auf den Polarstern, und der war am Platz!
Pässe

Heute früh haben wir gebadet und sind dann  richtig in die Berge, über zwei Pässe mit mehr als 3000 Metern. Die Landschaft ist spektakulär, ein Aufstieg fast ohne Kurven in einem Flusstal, dann ein Hochtal und dann ein Pass direkt eine Bergflanke rauf, rund 1000 Meter, durch einen Tunnel und dann wieder 1000 Meter runter fast im freien Fall und raus durch eine lange Schlucht. Wir sind heute 4115 Meter gestiegen und 4135 Meter runtergefahren. Die Strassen in Kirgistan, die wir gefahren sind, sind alle in gutem bis sehr gutem Zustand.

50'000 Kilometer Velo
Kurz nach dem Start haben wir ein Schweizer Paar getroffen, das seit 5 Jahren mit dem Velo unterwegs ist. Ueber 50'000 Kilometer sind es mittlerweile. Sie kommen ursprünglich aus Romanshorn. Wir haben ihnen Routentipps für China gegeben. Wir waren uns aber beide einig, dass das nichts für uns wäre, denn sie hatten die beiden Pässe gerade noch vor sich. usw. usf. Rahel und Jürg haben uns bestätigt, dass der Zoll über den wir nach Kasachstan wollten, geschlossen ist, dass wir also über die Hauptstadt Bischkek ausreisen müssen.

Eigentlich wollten wir nach dem ersten Pass (Ala-Bel, 3489m, sagt unsere Karte, aber die ist nicht immer zuverlässig) nach Westen zum Ysyk-Kul See. Aber die Strasse ist eine Naturpiste, und die 200 Kilometer Geratter waren uns zuviel. Unser Büssli ist so hart gefedert, dass das eine Tortur ist, die wir zwar machen, wenn es nötig ist, aber nur dann. Nach einem Kilometer haben wir gewendet und den zweiten Pass (Töö-Aschuu,mit einem Tunnel auf ca. 3300m) in Angriff genommen.
Die Hochebene nach dem ersten Pass heisst Suusamir-Syrte. Sie ist 150 Kilometer lang und bis 25 Kilometer breit, alles auf 2500 bis 2200 Metern über Meer. Auf der Hochebene hat es viele Siedlungen von kirgisischen Hirtennomaden mit ihren Jurten, Pferden, Schafen, Ziegen und Kindern. Sie waren gerade am Mittagessen kochen, Käse machen, Schafe melken. Und sie waren sehr freundlich.

Mittag gegessen haben wir in der letzten Schlucht. Es gab Lagmann (Eintopf mit selbst gemachten Nudeln, Gemüse und Fleisch) – sehr fein. Dazu ebenso gutes Fladenbrot und Tee. Das Restaurant war einfach, aber sehr sauber, das Essen für uns frisch zubereitet. Die Wirtin freute sich sehr, als wir, auf ihre Bitte, noch Bilder machten.


Jetzt sind wir in Bischkek und übernachten in der Silk Roade Lodge. Bischkek ist eine Stadt von rund einer Million Einwohnern, und als Hauptstadt wissen sie auch, was für Preise sie nehmen müssen. Ein gutes Doppelzimmer kostet 140 Euro. Dafür haben sie uns aber sozusagen aufgestockt (upgrade in Englisch), wir haben für den Preis eine Suite mit zwei Zimmern erhalten.


Der Mann am Empfang kam vor zwei Tagen aus Europa zurück – aus Solothurn, wo er einen Freund besuchte. Er studiert hier an der amerikanischen Universität.

13.8.
Blick zurück bei der Abfahrt
Der 13. war kein Unglückstag. Wir sind problemlos über die Grenze nach Kasachstan gekommen. Die Kirgisen brauchten keine 5 Minuten, zwei Stempel und fertig. Bei den Kasachen war Grossandrang an Autos und Fussgängern. Aber das ging flott, und wenn mich nicht ein uniformierter Depp, der sich aufspielte, nochmals zu einer Passkontrolle geschickt hätte (sie haben zwei, um dem Andrang Herr zu werden), hätte es statt dreiviertel Stunden gut zwanzig Minuten gedauert. Aber immerhin.
Dann fuhren wir auf sehr guter Strasse nach Almaty, der grössten und reichsten Stadt Kasachstans (Öl!), wo wir um halb Drei ankamen und ein gutes Hotel fanden. Auf Anhieb! Wir sind langsam gut, als Beifahrerin und als Pilot. Im Hintergrund sahen wir aus den Wolken die Spitzen der knapp 5000 Meter hohen Berge hinter Almaty.
Ortsnamen
Elo ist fast die ganze Strecke gefahren, sie braucht mehr Sprit als ich, denn sie fährt schneller. Ich bin mit 80-90 auf dem Tacho durchaus zufrieden, sie hat lieber 100. Das mir die Möglichkeit zum Philosophieren gegeben. Was die für Ortsnamen haben: Uzyngaghsh, Fabrichnyy, Chemotgan, Qaskeleng, Matybulaq, Energetichensky, um nur einige in der Umgebung der Stadt zu nennen. Nicht so einfache und klare wie wir: Obernüüfere, Tusslig, Samagrete, Moslig oder Nussbome (Oberneunforn, Dussnang, St.Margarethen, Mosnang und Nussbaumen für des lokalen Idioms Ungewohnte).
Almaty, oder wie wir es kennen Alma Ata, liegt wie Bishkek am Nordabhang des Tian Shan-Gebirges. Die Schneekuppen sind allgegenwärtig. Die Fahrt ging durch gewelltes Steppen-, Weide- und Landwirtschaftsland, in dem Gelbtöne vorherrschen, gesprenkelt mit dunklem Grün von Bäumen und Sträuchern, wo Wasser ist, und all das vor bläulich-braunen Bergketten mit weissen Hüten.
Almaty
Die 2-Millionen-Metropole Alma Ata war bis 1997 die Landeshauptstadt. Bis dass der Herr Nazarbajew, seines Zeichens Präsident, fand, es wäre doch ganz schön, wenn er als Gründer einer neuen Hauptstadt in die Annalen des Landes einginge (er hat wohl Angst gehabt, es bleibe sonst wenig über ihn zu sagen). Gesagt, getan, und die Kleinstadt Akmola in der Steppe wurde als Astana neue Hauptstadt. Sie hat heute noch nur ein Viertel der Einwohner Almatys.
Jetzt haben wir das Hotel bezogen, in dem wir uns ausruhen wollen, bevor wir dann die Strecke nach Novosiobirsk in Angriff nehmen, über Semipalatinsk, wo die Russen die Atombomben testeten. 
Lammzungen und Elos Kommentare
Wir sind am Abend in die Stadt gegangen. Sie ist wirklich die Metropole Zentralasiens. Russisch angelegt, mit einem rechtwinkligen Strassenraster, breiten Boulevards mit vielen Bäumen, guten Geschäften und feinen Restaurants. Wir sassen auf der Terrasse des „Safran“ an das wir nach langem Wandern geraten sind, und es war perfekt: Ambiance, Bedienung, Küche. Zuerst Hackfleisch in Traubenblättern mit Joghurtsauce (geteilt für beide), dann Elo Fischkebab und ich Lammzungen (angebraten und gekocht mit Gemüsen) – super zart und schmackhaft.
Als ich sagte, ich nähme die Lammzungen, die hätte ich noch nie gehabt, meinte meine Angetraute, die ihren trockenen Abend hatte: „Die möchte ich auch nie haben!“ Probiert hat sie sie dann doch, und das Gemüse, von dem sie die Tomaten abbekam, schmeckten ihr sehr gut. Die 50 Franken, die das Ganze kostete, fanden wir, die wir zur Zeit oft sehr einfach leben, teuer. Als ich meinte, verglichen mit einem Spitzenlokal bei uns – und es war ein Spitzenlokal – sei das günstig, meinte ripostierte die Gattin, ihre trockenen Kommentare weiterführend, dass es auch bei uns günstiger wäre, würden wir statt Wein nur Wasser und zwei Glas Bier trinken…
Auch hier kann ich keine Bilder hochladen und in den Blog stellen. Daher kommt nur Text. Ich werde das nachbessern in Russland, und dann mitteilen, dass eine verbesserte Version vorliegt zum Ansehen. Ohne Bilder fehlt wirklich etwas, es hat – so der bescheidene Fotograf – ein paar ganz gute dabei, Landschaften, Monumente, Menschen.


Dienstag, 9. August 2011

VIII Von Buchara bis Chojand

3.8.
Nichts spezielles. Morgenspaziergang, Socken und Nastücher einkaufen, die in Chiwa geblieben sind. Letzter Besuch bei Jakub Andreiewitsch, der sehr zufrieden ist mit der Wunde. Uebermorgen kann ich den Verband abnehmen, nur noch desinfizieren mit einem furchtbar färbenden Stoff, türkis. Ausruhen.

5 Brissago
Am Abend unterhalte ich mich noch mit Rahim. Er will Tourismus studieren gehen ins Ausland und wieder zurückkehren. Mal sehen. Ich schenke ihm noch ein kleines Victorinox-Taschenmesser (Danke, Heiri!). Und dann gibt er sich sichtlich einen Ruck und bittet: „Could I please have five Swiss cigars?“ Er will fünf Brissago! Mir ist schleierhaft, was er damit macht, aber selbstverständlich bekommt er sie. Er ist ein Goldstück!

4.8.
Heute sind wir um halb sechs früh los, damit wir ohne grosse Hitze nach Samarkand kommen. das hat geklappt, wir waren um halb elf im Hotel, das ich trotz Baustellen in der Stadt mit List und Tücke gefunden habe. Die durchgängig vierspurige Strasse war durchzogen, aber alles in allem relativ gut, auch wenn das Quietschen des Büssli (kaputte Aufhängung) nervig ist und vorsichtiges Fahren angesagt.















In der Altstadt



Das Hotel Zarina ist gut gelegen, aber eher eine Enttäschung. Wir werden wechseln, und wir wissen auch schon wohin: Antica, etwas weiter vom Hauptplatz Registan, aber dafür direkt neben dem wunderschönen Mausoleum Bibi Amir, das Timur Lan für sich gebaut hat, und wo auch seine Söhne liegen. Er hat beide überlebt, sein Nachfolger war sein Enkel Ulug Bek, der grosse Wissenschaftler, Philosoph, Musiker und Dichter.













Nachmittag: ausruhen.

Registan

Timur hat auch das erste Gebäude am Registan gebaut, dem Hauptplatz, an dem drei Medressen drei Seiten einnehmen. Den haben wir am Abend ansehen wollen, aber er war zu. Es ist ein eindrückliches Ensemble, auch wenn es zur Zeit durch eine Tribüne und vielem technischem Drum und Dran völlig verstellt ist. Aber wir sind drum herum gegangen und haben es von allen Seiten bewundert. Die Parkanlage, die neben dem Registan gebaut wurde, ist dafür eher in die Hosen gegangen: steril, mit Kitschlöwen usw.
Das Klima ist hier immer noch sehr heiss, trotz 750 M.ü.M. Aber abends und frühmorgens ist es wesentlich angenehmer als in Buchara.

5.8.
Auf dem Minarett
Frühmorgens sind wir zum Registan, um ihn in anderer Beleuchtung zu sehen. Erneut ist er sehr eindrücklich. Besichtigen können wir ihn aber nur von zwölf bis drei, also in der grössten Hitze. Der Grund ist, dass für das Festival (welches?) gebaut und geprobt wird, und die Touristen nur reingelassen werden, wenn die Profis Siesta machen.
Als wir seitlich um die Gebäude gehen, kommt ein Polizist, und schlägt vor, für 20 Euro auf ein Minarett steigen und dann auch noch die Medresse selbst besichtigen zu können. Gesagt, getan. Es war en fürchterlicher Aufstieg: Bauschutt, Leitern, Steinhaufen waren zu überkraxeln, dann eine halsbrecherische Wendeltreppe, hoch auf allen Vieren, runter mehr oder weniger auf dem Hosenboden, immer kurz vor dem Stolpern. Aber die Aussicht – die hat das gelohnt. Samarkand im Morgenlicht, die Berge am Stadtrand, die kuppeln der Timuriden türkis im Morgenlicht (am Abend sind sie dunkelblau).

Hotelwechsel
Dann haben wir gefrühstückt und ausgecheckt. Der Wirt war erstaunt, als wir sagten, wir seien nicht gewöhnt in einem Hotel zu wohnen, in dem in unserer Abwesenheit das Zimmer und unser Bett betreten würde. Irgendjemand – es war der Wirt, der Trottel – hat jeweils nicht nur den Stecker der Klimaanlage ausgezogen, sondern auch noch die Schaltung abgestellt, wofür er auf das ungemachte Bett steigen musste, auf das wir uns dann wieder zu legen hatten. Er war erstaunt ob unserer Reaktion und wollte uns noch ein besseres Zimmer anbieten. Um das hatten wir schon am Vortag gebeten, aber da gab es scheinbar nichts…
Jetzt sind wir im Antica, das wir gestern Abend rekognosziert haben. Es ist sehr schön, hat einen grossen, üppigen Garten, auf den das Zimmer geht. Trauben, Feigen, Quitten, Maulbeebäume und Aprikosen (eigene Marmelade).









Unser Zimmer




Kutbiya Rafiewa
Und dann die Wirtin. Sie spricht fast perfekt Deutsch, war Dolmetscherin. Ihre Kinder und Neffen decken alle europäischen Sprachen mehr oder weniger ab. Kutfiya Rafiewa erzählte von Delegationen, die sie begleitet hatte, so Joschka Fischer. „Aus der Schweiz?“, fragten wir? „Ja, verschiedene, so auch Thomas Wagner, Zürichs Stadtpräsident.“ Ihr Erstaunen war schon nicht gerade klein, als wir sagten, den würden wir gut kennen, er sei Präsident der Gesellschaft Schweiz-China und wir hätten die Zeitschrift gemacht etc.

Sie versorgt uns mit Lesestoff über Samarkand, Usbekistan und sich selbst, den wir uns jetzt vornehmen.

Ueberraschung und Hilfe
Am Abend machten wir Bekanntschaft mit Gästen aus der Deutschen Botschaft in Taschkent. Daniel Pabst ist 1. Sekretär. Seine Frau Barbara ist – so heisst das im Beamtendeutsch wirklich – MAP = Mitausreisende Partnerin. Sie und ein verwandtes Ehepaar aus Stuttgart mit insgesamt 5 Kindern waren sehr nett und äusserst hilfreich. Die Pabsts haben die Region ausführlich bereist und kennen alle Strassen. Vor allen kennt Daniel alle Grenzübergänge.
Und das ist hilfreich, denn es stellte sich heraus, dass der nächste Grenzübergang seit einem Jahr zu ist, und damit die Tadschiken Usbekistans – Samarkand und Buchara sind an sich tadschikisch, aber Stalin wollte das anders – von ihren Verwandte und Beziehungen abgeschnitten hat.
Die Angaben wurden später von einer Dame aus Lausanne bestätigt, sie ist von da gekommen. Das alles war ein weiteres Beispiel für die alte Reisegel: Der beste Reiseführer sind die Reisenden, die dir auf deiner Route entgegenkommen. Ihr Wissen ist immer aktuell.
Wir müssen auf die Fahrt durch die schönen Berge Nordtadschikistans verzichten, und weiter oben einreisen, südlich von Taschkent. Schade. Und auch dort ist der einfachste Grenzübergang für Dirttstaatler gesperrt. Wir müssen 50 Kilometer nach Norden und dann über einen kleinen Uebergang, der auch für uns zugelassen ist! Und dann wieder nach Süden, denn wir wollen nach Kuhjand, um das Auto zu reparieren. Die südliche Variante durch die Berge nach der Hauptstadt Duschanbe will ich ihm nicht zumuten.

 
Elos Einschub 5.8.
Genervt von Hitze und Staub
Von Kasachstan und Usbekistan bin ich etwas genervt. Auf den ersten Blick nur Wüste… Von der Romantik der Seidenstrasse ist überhaupt nichts zu spüren. Aber mich hat ja schon der Teil der Seidenstrasse in China enttäuscht. Dabei habe ich mir überlegt, dass alle …stans (Afghanistan, Pakistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kasachstan, Usbekistan und auch Chinas Uiguren-Provinz Xinjiang, die sich selbst gern Ost-Turkistan nennt) von den Umständen wenig begünstigt sind. Wüste, allenfalls unwirtliche Berge, im Sommer grosse Hitze, im Winter grosse Kälte. Es wächst nur, was bewässert wird. Zum Beispiel Baumwolle. Die Folgen davon zeigt der ausgetrocknete Aralsee. Die Wasser-Zukunft ist düster. Zudem sind diese Länder noch von politischen Zuständen betroffen, die jegliche Entwicklung erschweren.

President for ever
Usbekistan ist seit 20 Jahren unabhängig, Präsident ist aber nach wie vor Karimov, der schon Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetrepublik Usbekistan war. Wir wissen nicht, wie es hier vor 20 Jahren aussah, und es hat sich sicher manches entwickelt. Aber Usbekistan gehört zu den ärmeren Ländern dieser Welt. Das sieht man am Zustand der Strassen, der Gebäude (sofern es nicht Regierungsgebäude sind), der Autos und der Kleidung der Leute. Es wird zwar viel gebaut – aber mir scheint, das sind vor allem neue Anlagen zur Feier der 20-jährigen Unabhängigkeit. An vielen Wohngebäuden sieht man auch Klimaanlagen – sicher ein Fortschritt, der das Leben erleichtert. Und Hunger muss wohl auch keiner leiden. Man sieht wenig Bettler, und die Kinder machen einen fröhlichen und gepflegten Eindruck.
Dollar gefragt
Für uns ist alles relativ billig: ein respektables B&B kostet etwa 50 Dollar, eine Taxifahrt führt mit 2 Dollar ziemlich weit, fürs Internet zahlen wir für eine Stunde 1,50, für ein Bier ebensoviel, für eine Kanne  Tee etwa 50 Cent. Gehen wir essen, kommen wir mit 15 Dollar weg (Getränk: Wasser und Tee). Für die Menschen hier ist das aber alles nicht so billig. Der Angestellte im Hotel, der jeden zweiten Tag lang eine Nacht als Portier waltet, verdient 40 Dollar im Monat. Das mag schlecht bezahlt sein, aber Jürgs Arzt verdient wohl auch nur das Doppelte. Eine Packung Zigaretten – hier wird noch viel geraucht – kostet 1 Dollar! Die Inflation ist hoch, man sagt 40 Prozent. Alle wollen deshalb Dollar.

Auch die Arbeitslosigkeit scheint hoch zu sein. Es gibt sehr viel Strassenhandel, viel zu viele Wächter, Polizisten etc. Viele junge Menschen  scheinen davon zu träumen, ins Ausland zu gehen, nach USA, nach Australien, dort ihr Glück zu machen, dann zurückzukommen und ein kleines Geschäft zu eröffnen.

Hemmnisse für die Wirtschaft
Aber gerade das scheint in dieser Volkswirtschaft (z.T. noch Planwirtschaft nach sowjetischen Muster) sehr schwierig. Das Bankensystem funktioniert nur unter Schwierigkeiten, der Handel ist unter solchen Strassenbedingungen äusserst schwierig. Wer ein Auto kaufen will, muss extrem hohe Steuern zahlen und hat zudem nur die Wahl zwischen Chevrolet und Chevrolet…Die Fabrik produziert im Ferganatal Autos, die mit usbekischem Gas fahren. Wer ein Auto importiert, zahlt nicht nur noch mehr Steuern, sondern findet an den Tankstellen auch kein Benzin. Der Baumwollhandel, wohl das einzig einträgliche Geschäft, ist Staatsmonopol. Und am Eingang zum Markt ist eine grosse Tafel mit festgesetzten Preisen für alle Lebensmittel angeschlagen. Jürgs Hang zum Handeln ist hier völlig fehl am Platz.
Das einzig Positive (?): Medizinische Versorgung ist kostenlos. Allerdings müsse man schmieren, wenn man behandelt werden wolle. Die Regierung fördert anscheinend die Privatisierung der Medizin, aber dann könnte die Versorgung für die meisten unerschwinglich werden. (eb)




 (Jürgs verarztete Bein)







6.8.


Der Morgenspaziergang führte uns zum grossen Friedhof, wo wir eine Strasse von zum Teil uralten Mausoleen besichtigten. Dann wollten wir zum Observatorium von Uluk Bek, dem Enkel Timurs. Da kamen wir aber mit dem Taxi nicht durch, es war eine Sportveranstaltung, Biathlon oder Triathlon. Wir sahen Radfahrer und Läufer, ob sie auch geschwommen sind (wo?) blieb unklar.











Wo ist der Esel?




Am Mittag bezogen wir ein anderes Zimmer, das das uns versprochen war, das aber eine Bande von Italienern nicht räumen wollte. Das erste war etwas schwierig, denn die Klimaanlage war ein Flugzeugmotor, der alle 20 Minuten sich neu aufladen musste – ein Höllenlärm. Das jetzige Zimmer ist schön, die Klimaanlage funktioniert, wenn Strom da ist. Der aber wird immer wieder mal abgestellt, wenn sie in Vorbereitung des Musik- und Tanzfestivals von Ende Monat die Bäume schneiden.
Gegessen haben wir, zusammen mit den Leuten von der Botschaft, in einem alten Familienhaus, das durch die Kollektivierung der Sowjetzeit gerettet werden konnte. Die Familie hatte die Führung der Sufi-Sekte und war sehr einflussreich. Als das Haus versteigert werden sollte, fand sich kein Bieter. Gekocht hat Frau Saida Kaiumowa, die uns auch die Geschichte des Hauses näher brachte. Es war sehr gut.




7.8.


Heute sind wir am Morgen in der Neustadt spaziert, unter breiten Parkanlagen mit vielen Bäumen. Eine orthodoxe Kirche hat zum Sonntagsgottesdienst gerufen, die Studenten haben für das Festival geprobt. Auf den Spaziergängen fühlen wir uns immer sicher hier im Land, sei das morgens, mittags, abends oder nachts. Nie ein ungutes Gefühl, das ist schön.


Verschönerung
Nach dem Frühstück wurde ich fachfraulich verschönert. Elo meinte schon lange, die langen weissen Haare in den Augenbrauen gehörten ausgezupft. Dieser Aufgabe hat sich die junge Dame Felicia mit Ernsthaftigkeit, Hingabe, Akuratesse und offensichtlicher Freude angenommen. Sie hat sich nicht stören lassen, dass die Pinzette meines Sackmessers nicht gerade ideal war. Sie hat meinen Kopf festgehalten, gepopelt und gezupft – und wir haben uns übe jedes ausgerissene Haar gefreut. Danke, Felicia, auch in Elos Namen, die das Resultat perfekt findet.

Dichtergarten
Am Nachmittag sind wir in ein kleines Museum gegangen, das Sommerhaus des Dichters Arifa Gulhani, der bis in die 50er Jahre gelebt hat. Er war ein grosser Gelehrter und hat im Sommerhaus einen wunderschönen Garten angelegt, in dem heute viel Pflanzen und Früchte wachsen. Eine Oase im heissen Samarkand.

Am Abend machen wir noch ein Bild von unserer Wirtin und ihrer Tochter. Morgen früh geht es los in Richtung Tadschikistan. Mal sehen. Ich würde jetzt gerne vorwärts.









8.8.
Früh um halb sechs geht es los. Die Fahrt nach Chojand in Tadschikistan ist problemlos, die Strasse in Usbekistan nach lokalem Standard gut, überraschende Schlaglöcher mit eingerechnet. Zweimal erhält das Büssli vorne Schläge, dass es mir im Tiefsten weh tut: Auf einer guten Strasse, auf der wir 90 fahren, ist plötzlich eine Querrinne aussgegraben, 35-40 cm breit und ebenso tief, ausweichen unmöglich, völlig runterbremsen ebenso. Dass ich auch die zweite genommen habe, ist dann schon eher Dummheit. Aber es passiert nichts, zum Glück, das Büssli hält es aus.
Hilfsbereite Usbeken
Der Grenzübergang ist für uns nicht 30 Kilometer vor Chojand, sondern als Ausländer müssen wir 100 Kilometer Umweg nach Norden und dann wieder nach Süden fahren. Warum, das wissen die Götter, aber, wie Schwester Ruth zu sagen pflegt, die sagen’s nicht.
In der Industriestadt Schirin in der Ecke, wo die Grenze und wir von West-Ost nach Süd-Nord abbiegen, finden wir den Weg nicht, Ausschilderung Null.
Wir fragen einen Polizisten, ein zweiter kommt dazu, ein langes Palaver nach woher und wohin, und wir denken, die wollen jetzt auch ein Geschenk, wie der Kollege vor 40 Kilometer, der aber nichts bekommen hat. Wofür auch? Dass er die Karte verlangt hat, angesehen wie ein Erstklässler den Pythagoras der diesen wohl besser versteht, als jener die Karte, und dann meinte, er hätte was verdient. Aber die beiden sind anders. Einer mit einem strahlenden Vollmondgesicht amüsiert sich köstlich, weil wir uns im Detail überhaupt nicht verstehen. Njet Russki, njet usbek, njet Tadschik wir, njet Aleman, njet Angliski, njet Franzes die beiden. Er kugelt sich vor Lachen – und dann lösen sie das Problem. Sie halten einen Wagen an, erklären dem Mann die Sache und bitten ihn, uns voraus zu fahren. Mindestens 5 Kilometer macht er das und steigt am Ende noch aus, erklärt die Details der Weiterfahrt und bedankt sich auch noch bei uns.








Richtung Grenze




Grenzübergang im Niemandsland Schlegel a Wegge
Der Grenzübergang ist neu, gross und mitten im Niemandsland. Wir sind das einzige Auto, was uns freut. Die Usbeken sind, wie immer bürokratisch, pedantisch aber freundlich. Am längsten dauert die Neugier der Zöllner, die alles ansehen wollen und denen ich dann auch noch die italienische Kaffeemaschine erkläre. Da staunen sie nicht schlecht. Wir füllen brav Formulare aus. Die Papiere werden kaum angesehen, und die Mühe mit dem Geld hätten wir uns sparen können. Wir haben soviel Dollar im Geheimfach des Büsslis versteckt („Wo?“, fragt Ihr Euch. Geheim eben…), dass wir nicht mehr rausnehmen, als wir beim Eintritt deklariert haben. Das hätten sie, meint Elo, die auch hier recht hat, nie begriffen, auch mit allen Quittungen von der Bank nicht, die wir bei unseren Abhebübungen erhalten haben. 45 Minuten und durch.
Bei den Tadschiken ging es noch schneller: 30 Minuten. Der Pass ging ganz schnell. Der Mann hat etwas in zwei Hefte eingetragen (Männer und Frauen getrennt!), was auch immer, mir war das egal. Dann dauerte die Zollkontrolle etwas länger, weil ich mich mit den beiden Zöllnern auch hier über woher und wohin unterhalten habe, mit der Karte. Wir haben Varianten diskutiert, sie erklärten mit bis 3000$ Bargeld brauche es keine Deklaration – und das war es dann auch schon. Einer wollte noch Schweizer Geld sehen, denn dass es bei uns Banken gibt, das hat sich bei allen rumgesprochen. Als ich ihm dann eine Zehnernote quasi als Souvenir schenken wollte, hat er das strikte abgelehnt.
Desinfektion
Zwischen Pass und Zoll stand eine Blechbude mit einem Kompressor und einem Hochdruckschlauch: Desinfektion durch zwei Uniformierte. Wir und das Büssli liessen das als offensichtlich sinnvolle Massnahme in einer Landwirtschaftsgegend geduldig über uns gehen. Dann wurde ich in die Blechbude gebeten, in der auch ein Bett zum Ausruhen stand, was bei der Fahrzeugfrequenz offensichtlich nötig ist. Dort hat der eine ein Formular rausgenommen, auf dem ein Stempel war. Das war aber nicht für mich, das gehörte ihnen, und sie machten mir – nach den Sprüchen über die Schweizer Banken – deutlich, dass sie eine Entschädigung für den Service erwarteten. Gutmütig, wie ich bin gab ich ihnen 5 Dollar, blieb aber standhaft bei diesem Betrag, als sie zehn wollten.

Die 60 Kilometer bis Chojand waren die beste Strasse seit Russland. Sie werden von einer Privatfirma betrieben und kosteten einen Dollar Maut, den wir gerne bezahlten. Es war ein tolles Fahrgefühl! Chojand liegt am Sirdarjya, dem Jaxartes der Griechen. Es wurde von Alexander dem Grossen als östlichste Stadt seines Reiches gegründet.

Remont Maschin
In Chojand haben wir im Grand Hotel Chojand eingecheckt. Sehr gut, währschaftes Preis-Leistungs-Verhältnis, schönes Zimmer, gutes Restaurant. Ich habe der Empfangsdame, die kein Englisch ausser einigen Worten spricht, ein Blatt hingehalten, das ich mir in Samarkand habe schreiben lassen. „Remont Maschin?“ meinte sie und ich meinte „Da!“, ja. Ich war zwar Füsilier, nicht Kavallerist, aber das habe ich doch begriffen.
Sie hat zu telefonieren begonnen und kam dann fragen „Typ Maschin?“ Ich habe ihr das zusammen mit dem Jahrgang aufgeschrieben. Nach einiger Zeit sagte sie uns, morgen werde das repariert, um 9 solle ich bereit sein. Das hört sich gut an.









Der Sirdarjya (Jaxartes) am Abend


Die Stadt hat zwar keine Sehenswürdigkeiten, aber nach all den Käffern in Usbekistan (unabhängig der Einwohnerzahl), macht sie einen guten, lebhaften Eindruck, mit vielen Geschäften. Und dass sie am Fluss liegt, angelehnt an, wenn auch raue, abweisende Berge, das tut nach all dem Flachland gut.
Heute habe ich beschlossen, die 10 Tage ohne Alkohol, die mir Jakub Andejewitsch verordnet hat, seinen um, und ich habe ein Bier getrunken.
9.8.
Nicht ganz so einfach

Um 9 kam – nicht der Garagist, sondern ein Abschleppwagen! Weiss der Geier, was da auf meinem Zettel in Russisch gestanden hat. Das hat das Buessli und mich dann schon beleidigt! Der Mann war ein Gangster, kam nicht draus und verlangte für die kurze Fahrt sieben Franken, ein ganzes Abendessen. Helfen konnte er nicht.
Dann aber hat das gespielt, was in diesen Ländern immer spielt: Wenn sie dein Problem erkannt haben, hängen sie ein und helfen, wo immer sie können. Der Mann vom Empfang, der drei Worte Englisch spricht, und den Rest mit der Internet-Uebersetzung seines Natels macht, hat sich meiner angenommen. Wir sind in eine Grossgarage gefahren. Dort kam das Büssli auf den Lift, das Rad wurde abgenommen.
½ Beruhigung
Die Fachleute sahen sich die Sache an. Sie hatten das Teil nicht (ich denke immer noch, es ist die Radaufhängung). Aber sie sagten, die zwei Schrauben, die noch dran sind, seien genügend, es bestehe keine Gefahr. Das glaube ich ihnen, die die Schläge von gestern wurden klaglos überstanden. Das Quietschen komme von der kaputten Gummidämpfung, sei aber nur ein Problem für das Gehör. Rad wieder drauf, Kosten null!
Mit dem Mann vom Empfang habe ich nun ausgemacht, dass er heute nach einem Ersatzteil sucht, das wir, wenn er es findet heute oder morgen montieren lassen. Wenn nichts da ist, geht es weiter mit Musik. Verständigt haben wir uns teilweise via USA. Sein Bruder ist dort, den hat er einfach angerufen und informiert. Dann habe ich ihm gesagt, was er will, er hat es weitergegeben, und das ist gut so. Für die Spesen durfte ich nicht aufkommen!

Wolken
Heute früh war der Himmel bedeckt. Ganz eigenartig, nach den wolkenlosen Wochen, mit viel Sonne zwar, aber eine Sonne, die brennt, knallt und ausglüht. Selbst Elo war das manchmal zuviel. Hier sind die Morgen und Abende sehr angenehm, wie an einem richtig heissen Sommertag bei uns. Jetzt kommt wieder heiss durch das Fenster herein, während ich schreibe. Aber kein Vergleich mit Samarkand, geschweige mit  Chiwa und Buchara.

9.8. / Chojand / JB.

Dienstag, 2. August 2011

VII Von Astrachan nach Buchara


23.7.
Heute sind wir in Kasachstan eingereist. Zuerst hatten wir Mühe, aus der Stadt rauszukommen, denn das GPS ist beendet und die Signalisation war so nach dem Motto, wir wissen ja, wo’s lang geht, ist doch klar. Oder? Viel fragen half. Dann passierten wir noch eine Pontonbrücke über einen Wolgaarm – der Fischer im Gummiboot und ich waren auf Augenhöhe. Dann wieder suchen und schon waren wir an der Grenze. Russland ging schnell, Kasachstan, nachdem das Autochaos aufgelöst war, unbürokratisch. Keine Versicherung, keine Zolldeklaration, kein Carnet de Passage für das Auto (der Grenzer wollte nur Nummer, Marke und Farbe wissen). Geldwechsler haben an der Grenze einen guten Kurs gegeben: 200 Tenge für einen Euro.

„Strasse“, sagen sie dem
Aber dann die Strasse. Eine bare Katastrophe. Wellen, Gräben, Löcher, unsichtbare Schläge etc. pp. Die Spurrinnen der Laster waren bis zu 20 Zentimeter tief, wenn ein Laster kreuzte gab es kein Ausweichen. Schläge zum Fürchten. Das Büssli hat dann auch prompt vorne links zu klappern, „chlefele“, begonnen, nicht dauernd, aber auf dem Wellblech. Etwas beunruhigend.

Zum Glück haben wir eine neue Bekanntschaft gemacht. Am Zoll beim Warten hielt einer den Kopf rein und statt einer russischen Frage, die wir jeweils ratend beantworten, kam ein „hoi zäme“. Es ist ein Hinwiler der mit dem Töff via China nach Thailand unterwegs ist. Später holte er uns ein und schlug vor, in einer Beiz an der Strasse etwas zu essen. Das taten wir, und es war eine ausgezeichnete Nudelsuppe mit Fleisch und Gemüse.

Michael
Michael führt mit seiner Freundin, einer best ausgewiesenen thailändischen Köchin, die im Marriot in Zürich eine Spitzenbeiz aufgezogen hatte, in Hinwil ein Thairestaurant, das „Thai Country“. Michael hatte erwähnt, er sei auch etwas wie Automechaniker, und ich fragte ihn wegen des „Chelfeles“. Er schaute nach, und er hat sofort gesehen, was es war. Eine befestigungschraube des Stossdämpfers hat sich gelöst. Sie ist aber auch etwas verbogen, weswegen wir sie nicht auf der Strasse festziehen konnten. Sie ist auch so verklemmt, dass der Zugang schwierig ist. Das hat aber den Vorteil, dass ich ruhig, so Michael, noch einige Tausend Kilometer fahren kann, bis ich es machen lasse: Es braucht Zeit und einen zuverlässigen Mechaniker. Ich werde das in Khiwa in Usbekistan machen. Quietschen tut das Büssli wie auch schon, das lasse ich vorher beheben.

Michaels Töff ist jeweils die grosse Attraktion. Da können wir nicht mithalten.

Paradies und Hölle
Die Vorstellung von Paradies und Hölle könnte durchaus in der Landschaft entstanden sein, die wir durchfuhren. Der Wechsel war brutal: Das wunderschöne Wolgadelta in den Sommerfarben, mit mäandrierenden Flüssen und satten Matten auf denen sich die Kühe sichtbar wohl fühlten, mit Wasservögeln, Falken, Bauerndörfern, Schwalbengezwitscher, und dann ohne jeglichen Uebergang eine baumlose Steppe, die immer mehr zur Wüste wurde, Wohnansiedlungen zum Verzweifeln, Kamelen und Kühen, die die karge Vegetation vertilgen, Staub und Wind. Die Reiter, die aus dem Osten ins Delta kamen, mussten sich im Himmel fühlen.

Grenzfluss Ural
Jetzt sind wir in Atyrau, einer grossen Stadt (>150'000 Einwohner) am Ural. Der Fluss bildet die Grenze zwischen den Erdteilen Europa und Asien. Wir wohnen in Europa, essen werden wir voraussichtlich in Asien. In den Hotels, die nur auf Bisnismän im Erdölbezirk am Kaspischen Meer ausgerichtet sind, gibt es grundsätzlich nur Einzelzimmer. Zweierbelegung ist bei Ehefrauen möglich! Wir sind hier unter dem Meeresspiegel (wissenschaftlich gesprochen in einer Depression, und auch dieser Begriff könnte angesichts der Landschaft hier erfunden worden sein), der Spiegel des Kaspischen Meers ist 28 Meter unter Null.

Der Charme der Stadt hält sich in engen Grenzen. Er liegt, wie alles rund rum auf dem flachen Land, viele Hütten in der Steppe als Aussenbezirke, Industrie, im Zentrum einige Hochhäuser, breite Strassen, die nur zum Autofahren einladen.

24.-28.7.
Wir sind in Chiwa, in Usbekistan, nahe der turkmenischen Grenze in der Oasenzone des Amudarja, dem Oxus der alten Griechen. Und ich fühle mich weit weg von aller mir verständlichen Zivilisation, wie selten zuvor, wenn überhaupt je. Hinter uns eine schwierige Strecke, vor uns eine unmögliche und ein Land mit wirtschaftlichen Sitten und Gebräuchen, die sich uns im 21. Jahrhundert kaum erschliessen und uns das Leben erschweren. Aber inmitten von freundlichen Menschen und ohne irgendwelche Probleme der persönlichen Sicherheit.

Aber der Reihe nach:

24.7.
Am 24.7. fuhren wir frühmorgens aus Atyrau ab in Richtung Usbekistan, um die nordöstliche Ecke des Kaspischen Meeres – das wir nie gesehen haben – herum. Weiterhin Wüste aus Kiesel, keine modulierte Landschaft, aber gute Strassen. Rund 80 Kilometer vor der Grenze beschliessen wir, noch weiter nach Usbekistan zu fahren, wir sind gut in der Zeit.






Elo macht 100’000 Kilometer

Das Büssli hat unterwegs 100'000 Kilometer gemacht. Elo fuhr auf dieser Strecke, sie war gut, und es war wichtig, dass sie sich ans Fahren gewöhnt Die 100'000 hatten wir inmitten von Kamelen, damit waren wir nicht die einzigen dieser Spezies!

Dem Zeitplan voraus
Durch unser forciertes Marschtempo sind wir der Ursprungsplanung 5 Tage voraus. Da wir aber in Tadjikistan erst am 8.8. einreisen können, werden wir 14 statt 10 Tage in Usbekistan bleiben, es gibt ja viel zu sehen. Dass wir auch Ruhetage dringend nötig haben werden, wussten wir noch nicht.

Einen ersten Eindruck von dem, was uns streckentechnisch erwarten würde, erhielten wir bis zur Grenze: Naturstrasse, Wellblech, Staub und Löcher. Ich bretterte über die Querrillen, es ging ganz gut, nur das Büssli klapperte nachher stärker.

Unproblematische Grenze
Der Grenzügbergang war mit gut eineinhalb Stunden unproblematisch. Die Kasachen liessen uns schnell raus. Ein Grenzoffizier, der etwas Englisch konnte, wollte wissen, wie hoch unsere Pension sei. Ich stapelte etwas tief mit 5000 Dollar, aber er war beeindruckt. Als ich ihm dann sagte, ein Kaffee koste aber 5 Dollar, ging ihm ein Lichtlein auf.

An der Usbekischen Grenze war vor dem Eingangstor, durch das sie die Wagen einzeln in den Zollbereich lassen, ein Riesendurcheinander mit quer stehenden Wagen usw. Ich ging mal zu dem Soldaten mit der Kalaschnikow (!), und als der unser Schweizer Kreuz sah, winkte er uns an allen vorbei und durch.

Bis dann alles vorbei war, war es Abend, und wir sagten uns, wir wollten doch in einem Dorf übernachten. Das kam nach etwa 20 Kilometern – und mit fast 600 Kilometern Tagesleistung hat das auch gereicht. Im Dorf wussten wir nicht wohin, aber Elo meinte, der Bahnhofplatz sei doch etwas wie öffentlich. Und da blieben wir auch. Und der oberste Dorfpolizist – es hatte mehrere Tschugger – fand das dann auch i.O. Ein Fernzug kam, es war etwas Betrieb, in der Nähe dröhnte eine Musikanlage, wir nahmen die Stühle raus und lasen noch etwas, und dann ab in die Heija!

25.7.
Brunis Apotheke in Gebrauch
Als wir am frühen Morgen nach einer guten Nacht abfuhren, hatte Elo Durchfall, und wie. Zum Glück haben wir bei Dr. Bruni in Wil uns eine gute Reiseapotheke geben lassen, aber so schnell geht das dann doch nicht weg, und sie ist immer noch etwas geschwächt.
Dann ging es endlos durch die endlose Wüste. Es ist ein Plateau und es ist wirklich platt. Die einzige Abwechslung sind Kamele, die von nirgendher nach nirgendwo die Strasse überqueren. Fast kein Verkehr. Heiss. Anstrengend. Auffallend viele Laster der Firma Willi Betz begegnen uns auf der ganzen Strecke. Hat der ein Monopol hier?






Unser Ziel  Nukus will und will nicht kommen, und ausserdem wäre Sprit nicht schlecht, ich bin auf einem Viertel unten. Endlich an dem Uebergang vom Plateau zur Oasenwirtschaft des Amurdarja sieht Elo ein Schild, eine abenteuerliche Pumpe, und wir haben wieder Saft. Nach zum Teil unbeschreiblichen Strassen kommt plötzlich ein Stück, das auch bei uns als erstklassig bezeichnet würde. Das ist dann aber bald wieder vorbei und wir fahren neben fast fertigen Klassefahrbahnen auf der alten Strasse, immer ein Rad möglichst weit rechts, weil es dort besser ist, aber halt auch Löcher hat. Es staubt, rüttelt….. Nukus unser Ziel will nicht kommen, Strassenschilder gibt es prinzipiell nicht, man kennt sich ja aus.

Nach einem kleinen Umweg (wir wollen ja nach Nukus, und als endlich etwas angeschrieben ist, ist das Nokis, und wir wissen nicht, dass dies in der lokalen Sprache….Nukus ist!) sind wir in der Stadt, fahren über den Fluss nach Transoxanien und nehmen das beste Hotel. Es ist in Ordnung, aber die 200$ niemals wert. Sei’s drum, wir sind durch.

Bankgeschäfte I
Bezahlen müssen wir in Som, der Landeswährung: 2000 Som für einen Franken und die grösste Note 1000er! Das gibt Bündel! Und dann, wo wechseln? Nur auf zugelassenen Banken. Bankomaten gibt es nicht, kann es bei solchen Papierhaufen nicht geben, auch wenn wir nicht im Land der letzten Sowjetwirtschaft wären. Was wir allerdings können, ist mit der Kreditkarte Dollar beziehen, gegen Gebühr, versteht sich, aber immerhin. Gefragt ist allerdings in Nukus Visa, und meiner Karte wird auf der Bank, zu der ich mit dem Taxi fuhr, der Zugang verweigert, obwohl ich sicher bin, dass der Sicherheitscode stimmt.

Mastercard macht nur eine Bank in der Stadt, und die hat dann morgen auf! Also plünderte ich den Geldgurt, wechselte 200£ und 250€ und es kam fast eine Million Som zusammen.

26.7.
In der Nacht überlege ich, dass Nukus eine grosse Stadt und Chiwa ein relatives Kaff ist. Vielleicht ist es besser, wenn ich das Büssli hier ansehen lasse. Ein Ruhetag ist sowieso gut. Raschid, der Manager des Hotels, erweist sich als Goldstück. Nachdem ich mit ihm einen Preis von 100$ für die zweite Nacht ausgehandelt habe, fragte ich ihn nach den Autowerkstätten. Er kam mit, zuerst aber gingen wir zur Bank. Dort war die Kartenmaschine ausgefallen, der Ersatz käme am Nachmittag. Also ab zur Werkstatt.

„Kaputt“


Die Mechaniker besahen sich die Sache, und das Wort „kaputt“ kannten sie und verstand ich. Die Befestigung des rechten vorderen Stossdämpfers war gebrochen. Ausserdem, stellte sich dann während der Demontage heraus, war auch die Radaufhängung durch. Das erstere konnten sie ersetzen, sie nahmen ein Teil von einem alten russischen Wagen. Das zweite aber nicht. Es stellte sich heraus, dass die Regierung eine völlig protektionistische Autopolitik betreibt: Chevrolet und Daewo fabrizieren gasbetriebene Autos, denn Uzbekistan hat vor allem Gas, wenig Erdöl. Das hat zur Folge, dass die anderen Marken unterdrückt und mit exorbitanten Luxuszöllen belegt werden.

Aber die äusserst kompetenten Mechaniker versicherten mir, dass sie das Büssli soweit auf Vordermann bringen würden, dass ich bis Tadjikistan kommen würde – wenn ich sehr vorsichtig und schonend fahre. Bei den Strassen, und bei denen, die noch auf uns zukommen! Sie arbeiteten genial, auch wenn sie nicht verhindern konnten, dass zwei Schrauben brachen. Denn das Büssli ist im Fahrgestell sehr rostig! Die Gemeinde Trin Moulin hat es wohl als Salzfahrzeug eingesetzt. Das zusehen war nervenzerfetzend! Die eine Schraube konnte ersetzt werden, der Mann hat von Hand ein neues Gewinde gebohrt, die andere nicht, und deshalb eben: Vorsicht! Gekostet hat das Ganze 250'000 Som oder 100€.

Bankgeschäfte II

Dann ging es zur Bank. Die Maschine war da, aber ich durfte nicht 5000$ abheben, sondern pro Tag nur 500, das würde zentral registriert. Das habe ich gemacht, dann noch, beim Kurs von 1740 Som pro Dollar gewechselt – und schon waren wir mit dem Rest vom Vortag wieder Millionäre! Aber ich würde morgen wiederkommen. Kein Problem.

Oben auf dem Stapel liegt sozusagen das Muenz.





Willi Betz
Ueber Willi Betz hat mich Raschid auch noch aufgeklärt. Das ist kein Deutscher, sondern Pole oder so. Die Fahrzeuge, die im ganzen Osteuropa, nicht aber in Deutschland zugelassen sind, machen den Nachschub für Afghanistan, für die Nato. Sie transportieren Kleider, Nahrungsmittel usw., nicht aber Waffen. Und der Transporteur ist Betz.






Sensationelles Savitzky-Museum
Zum Abschluss des Nachmittags gingen dann Elo – die im Zimmer geblieben war – und ich noch ins Museum Savitzky. Das wurde gelobt, und es war ausserordentlich, unwahrscheinlich, so etwas in dieser Ecke der Welt zu finden.

Savitzky war selbst Maler, und er hat in der Zeit des stalinistischen Kulturdrucks die russischen Avantgardisten, die ja in der ersten 30 Jahren des vergangenen Jahrhunderts Weltspitze waren, gesammelt und der Nachwelt erhalten. Die Sammlung ist immens, es können jeweils nur wenige Prozent gezeigt werden, die dann immer wieder ausgewechselt werden. Es hat uns schier erschlagen, wir waren beeindruckt.

Für Kunstspezialisten ist das Museum eigentlich ein Muss, und das Verdienst Savitzkys ist gross, zumal er für viele Künstler auch ihre Entwicklung dokumentierte, Volkov als Beispiel.

Hier also ein weiteres Beispiel eines Erlebnisses, das wir nicht erwartet hätten.

27.7.
Bankgeschäfte III
Am Morgen fuhren wir zunächst mit Raschid hinten im Büssli zur Bank. Dort kam ich auf die Idee, zu fragen, ob nicht auch noch Elo mit ihrer Karte Geld beziehen könne. Vermutlich wird ja die Karte registriert, nicht der Halter. Selbstverständlich, war die Auskunft. Und dann: ich hätte noch drei weitere Karten (Deutschland, andere Schweizer Bank), ob das auch ginge? Natürlich ginge das. so bezogen wir 2500 Dollar in bar, und haben wieder etwas Spielraum.

Sprit
Dann wollten wir abfahren, aber ich musste noch tanken. Und zwar Diesel, nicht Gas (unproblematisch) oder Benzin. Es gibt viele Tankstellen, alte (sehr viele) und neue (wenige), aber praktisch alle sind geschlossen. Und Benzintankstellen (eine in Nukus haben wir offen gefunden) haben kein Diesel. Wir sind rumgefahren wie blöd, haben Sprit verbraucht, ohne Resultat. Da ich genug bis Chiwa hatte, sind wir dann los. Unterwegs gab es keinen Sprit. Wir sind über eine Pontonbrücke wieder über den Amudarja, und haben uns im nächsten Kaff wieder einmal verfahren: Die Hauptsrasse führte nicht in die grosse Stadt Urgench bei Chiwa, sondern an die turkmenische Grenze. Wieder 30 Kilometer für die Katz.

Langsam war ich unsicher, und ich kaufte einem Strassenhändler, der Flaschen an der Strasse hatte, 20 Liter Diesel ab. Es war ein halbwüchsiger Bub, der völlig erstaunt war, als ich mehr als 5 Liter wollte. Er ging in eine wohl verschlossenes Lager hinter dem Haus, in dem er einen Kanister hatte. Den schüttete er mir rein, der Preis hat für ihn gestimmt.

Vor Urgench sah ich eine Tankstelle, an der ein Traktor tankte. Das musste doch Diesel sein. Der Mann sagte mir zuerst mit Zeichensprache, dass er nichts hätte: die Unterarme werden vor der Gurgel gekreuzt. „Diesel“ aber, das hatte er. Die Tankstelle war dann noch sehr praktisch eingerichtet. Es hatte ein Mäuerchen bei der Zapfstelle und so konnte er mir die beiden Kanister auf dem Dach abfüllen, ohne sie runterzunehmen. Jetzt haben wir 40 Liter Reserve!!!

Chiwa
Chiwa ist sehr schön. Es hat eine gut erhaltene, zum Teil restaurierte Altstadt innerhalb einer Ringmauer, alles aus Lehmziegeln. Die Altstadt wird auch noch bewohnt, wir haben unser Hotel in einem Wohnbezirk. Es kostet vierzig Dollar, und hier wollen sie keine Som haben, sondern $. Auf hundert Dollar geben sie dann gerne mit Som heraus, kein Wunder bei einer Inflation von mindestens 40%.






Die Stadt ist voll von Medressen (Koranschulen, ähnlich Klöstern) und Moscheen. Im Abendlicht ist sie wunderbar. Wir gehen nur spazieren und essen, besichtigt wird morgen.









28.7.
Das haben wir heute getan, es war gut. Jetzt ruhen wir aus, schreiben, lesen, schlafen, denn es werden uns ein bis zwei sehr harte Tage erwarten. Die Hauptstrasse, auf die ich mich gefreut hatte (endlich keine Nebenstrassen mehr!) muss auf 150 der 400 Kilometer fürchterlich sein. Und das durch die Wüste, kein Baum, kein Strauch, kein Schatten, keine Klimaanlage. Die neue Seidenstrasse wird gebaut, überall gleichzeitig, die alte wird nicht repariert, und ich muss vorsichtig fahren.

Mal sehen, wir haben auf jeden Fall neben dem Sprit auch noch die Wasservorräte ergänzt.

Abendessen nahmen wir in einem Restaurant in einer Medresse (Koranschule), von denen es viele gibt. Als wir fragten, ob wir statt halb unterirdisch – schön eingerichtet – im freien essen könnten, haben sie uns vor dem Hauptportal einen Tisch mit einer Bank aufgesellt, mit wunderschönem Blick und einmaliger Atmosphäre.






Einschub von Elo

Annäherung
Freundin Ulla fragt nach dem „Menschlichen“. Nun ja, mangels Kenntnissen des Rumänischen, Ukrainischen, Russischen, Kasachischen und Usbekischen ist es nicht einfach, sich mit den Leuten grösser zu unterhalten. In Rumänien sprach der eine oder die andere noch Englisch, Französisch oder gar Deutsch, in den folgenden Ländern konnten wir uns nur noch verständigen.

In der Ukraine und in Russland waren die Leute – wohl nicht nur wegen der Sprache - sehr distanziert, zurückhaltend, manchmal gar misstrauisch. Fragte man nach dem Weg, liefen die meisten davon oder schüttelten abweisend mit dem Kopf. Die Leute vermieden Blickkontakt, ein Gruss wurde nie erwidert, ein Lächeln mit ernstem Gesicht entgegengenommen. In den Hotels sprach man zwar in der Regel an der Rezeption Englisch, behandelte uns korrekt, sogar hilfsbereit, aber nie freundlich. Das – noch systembedingte - Misstrauen zeigt sich im Hotel. In der Regel zahlt man das Zimmer, bevor man es bezieht, und wenn man es am Morgen verlässt, muss erst die Hausdame des Stockwerks kontrollieren, ob man auch nichts gestohlen oder kaputt gemacht hat.

Am freundlichsten begegnete man uns dort, wo wir es am wenigstens erwarteten: an der Grenze. Bei der Einreise von der Ukraine nach Russland waren alle sehr neugierig, jeder wollte uns helfen beim Ausfüllen der Formulare. Ein junger forscher Grenzbeamter kam ans Auto und liess sich unsere Pässe zeigen. „Kommen aus Schweiz?“, fragte er. Auf unsere erfreute Frage: „Sprechen Sie Deutsch?“, antwortete er: „klein“. Seine Deutschkenntnisse entsprachen tatsächlich unseren Russischkenntnissen. Aber er kam immer wieder. „Halle, Sohn Russki Offizier“, erklärte er. Dann fragte er: „Arbeit Schweiz?“  Journalist – ein bisschen gewagt von mir – und Konsultant verstand er. Schliesslich wollte er noch wissen: „Warum Russland?“ Mit unserer Antwort war er zufrieden: „Schön“.

In Kazachstan und Usbekistan nützt selbst Russisch – Spaziba (Danke) , Doswedanje (Auf Wiedersehen) etc. – nichts. Die Länder sind seit zwanzig Jahren unabhängig von der Sowjetunion, und man lernt offensichtlich nicht mehr automatisch Russisch. In diesen Ländern fühlen wir uns in Asien. Das Völkergemisch entspricht dem entlang der chinesischen Seidenstrasse. Die Leute sind neugierig, einige sprechen uns an, rufen „Hallo“, wenn wir vorübergehen. Die Kasachen sind eher grösser, hellhäutig, mit nur wenig geschlitzten Augen. Die Usbeken hingegen sind kleiner und dunkel. Die Frauen tragen bunte (in traditionellen Mustern) halblange Kleider und sehr oft Kopftücher. Aber wir haben bisher nur ein oder zwei massvoll verschleierte Frauen gesehen. In den Cafés allerdings sitzen nur Männer. Obwohl Kasachstan und Usbekistan muslimische Länder sind, sehen wir zwar ab und zu eine Moschee, hören aber nie einen Muezzin. Auch auf offener Strasse Betende, zum Beispiel bei Sonnenuntergang, sind uns noch nicht begegnet. Die Sowjetunion hat ihre Spuren hinterlassen.

Dann waren wir auch noch in Karapalpakstan. Vor einer Woche wussten wir noch nicht, dass es das gibt, nun sind wir schon seit vier Tagen da. Das ist eine Autonome Republik innerhalb Usbekistans. Die Karapalpaken sehen eher aus wie Mongolen, zum Teil sogar wie Chinesen. Sie haben anscheinend eine eigene Kultur, besondere Sitten und Gebräuche sowie eine spezielle Küche. Da blicken wir natürlich nicht durch.

Ist doch ganz einfach
Auch der Sprache – wir haben ja schliesslich noch einen weiten Weg durch Russland vor uns – nähern wir uns allmählich an. Kyrillische Buchstaben können wir ohne weiteres lesen, nur wissen wir nicht, was es heisst. Allerdings hat man immer wieder Aha-Erlebnisse, wenn man etwas entziffern kann und sich ein unmöglich langes und scheinbar kompliziertes Wort als ganz einfach herausstellt. Sind wir hungrig und durstig gehen wir ins Restoran oder Kafe. Plagt uns das Gegenteil, suchen wir die Tualet auf. Brauchen wir Wasser oder Lebensmittel, gehen wir ins Produkti. Unser Büssli verlangte nach einer Automechanik. Eine Apteka – von denen es hier sehr viele gibt, brauchten wir noch nicht, haben wir doch für alle Fälle allerhand Medikamente dabei. Und Mebeli wollen wir definitiv nicht kaufen, auch nicht bei Ikea. Muzeum und Monumenti finden wir mühelos, und fragt uns ein Grenzer oder Polizist nach Dokumenti, dann verstehen wir sofort.

Frust und Herausforderung
Schwieriger ist es jeweils mit der Speisekarte. Für mich ist eine russische Speisekarte immer ein Frust, für Jürg hingegen eine Herausforderung. Was wir schnell heraus hatten war Minerali gaz, Bivo und Vinho. Die entsprechende Unterscheidung in krasno und bjelo ergab sich auch schnell, denn in Russland ist noch vieles rot, und den Eigennamen von Weissrussland kennt man von Leichtathletik- und Turnkämpfen. Als uns der Kellner mit einem Zuckersäckchen in der Hand fragte, ob wir süssen Wein wollten, und wir entschieden mit dem Kopf schüttelten, war klar: brut.

Ansonsten entziffern wir Salati (aber aus was besteht der ausser Pommodor?). Butterbrod und Chleb, Kartoffeli und Borschtsch entziffern wir weiter – aber davon allein  wird man auch nicht satt. Die Pizza ist gar nicht schlecht, aber bitte nicht jeden Tag. Schaschlik ist immer eine sichere Sache, es dauert aber mindestens eine Stunde.

Natürlich haben wir ein Wörterbuch sowie zwei Büchlein mit russischen Redewendungen. Doch unter der Rubrik „Im Restaurant“ sind Speisen aufgezählt, die es auf unseren realen Speisekarten nicht gibt – oder die ganz anders heissen. Vorgestern aber konnte ich mit der Wirtin schon ein Gespräch führen: „Jest Plov“?, fragte ich sprachgewandt. Und sie antwortete: „Njet“. Pilaw gibt es nicht. (eb)


29.7.
Diesen Tag werden wir so schnell nicht vergessen. In mehrer Hinsicht.

Am Morgen gab es wieder, wie wir später erfuhren für Chiwa keine Ausnahme, im ersten Stock kein Wasser. Also ungewaschen und ungeduscht auf die Piste um sechs Uhr früh.
Das erste Stück ging zwar gegen die aufgehende Sonne, war aber bis Urgench gut. Dort haben wir uns durchgefragt und nur einmal gröber verfahren (+10 km). Dann ging es zum Amurdarja, den wir ein letztes Mal überquerten. Auf einer Pontonbrücke, von der ein Teil eingestürzt war, was aber mit einem Sanddamm gefixt wurde.

Dann fuhren wir über eine Schlaglochpiste auf die Hauptstrasse, die den Westen dieses Landes mit dem Osten verbindet, durch den Südrand der grossen Kizilikum-Wüste. Wir tankten nochmals auf, und wir stellten dabei fest, dass Diesel weniger knapp ist, als Benzin. Der Zapfhahn ist für Laster und Traktoren, kein rückschlafgventil, wenn es voll ist. Du gibst an dem Schalterchen ein bündel Geld ab, sagst, wie viel es etwa sein soll, dann gehst du hin, hältst den Zapfhahn rein, er gibt drinnen frei, und wenn es weniger Platz hat, musst du, sobald es zu überlaufen beginnt wie wild „STOOOPPP!“ schreien und er stellt ab.

Unvorstellbar


Vollgetankt ging es dann Richtung Baustelle, und was wir da an Strasse erlebten, hätten wir uns nicht vorstellen können. Und dabei musste ich noch das rechte Vorderrad schonen! Sie bauen die neue Strasse auf 150 Kilometern Länge, oft ist sie fertig, aber noch nicht freigegeben. Der Präsident wird noch keine Zeit für die Einweihung gehabt haben. Du fährst entweder auf der alten Strasse, die aber seit vier Jahren, so lang bauen sie schon, nicht mehr unterhalten wird. Löcher, Rinnen, Quer- und Längstäler von grauslicher Tiefe. Und das alles in einer glühenden Hitze von sicher über 50 Grad. Der Wind kommt rein, das ist nötig, aber er kommt wie aus einem Haarföhn. Und immer, wenn ein Gefährt entgegenkommt – es hat zum Glück wenig Verkehr – muss das Fenster zu: Staubwolken, die glücklicherweise vom Wind schnell verweht werden.

Neben dem Schlagloch gibt es noch eine usbekische Eigenentwicklung der Fahr- und Autozerstörung: der „Usbekische Schlagpilz“. Er entsteht, wenn eine schlechte Fahrbahn einfach mit einer Schicht Teer überdeckt wird, dass die untere Schicht sich weiter auflöst und stelleweise kegelförmige Reste stehen bleiben mit einem Hut des neuen  Belags drauf. Es sieht dann aus wie Erosionen in der amerikanischen Wüste en Miniature, und sie sind von wahrlich durchschlagender Wirkung.

Die Wüste ist endlos, Sand, Sand, kleines Gestrüpp, und sonst nichts als gleissende Sonne. Elo sitzt neben mir. Es geht ihr, es geht uns nicht gut. Zu heiss, zu viel Rütteln, keine Aussicht auf ausruhen. Mit der Zeit fahre ich wie in Trance.

Mittagsrast
Plötzlich, nach 6 Stunden Fahrt (knapp 200 Kilometer, davon hundert im Tempo  20, Stand, 30, 20, 35 usw.), in der Nähe des Amurdarja, der die Grenze zu Turkmenistan bildet und den wir immer wieder mal sehen, ein kleines Dorf und zwei Bäume mit Schatten. Einen belegen wir, neben einem Esel und eingetrocknetem Dung von Kühen und Schafen. Wir essen Schüttelbrot, Trockenfrüchte. Trinken viel Wasser und legen uns im Büssli hin. Es lebe das Büssli!

Elo liest, ich schlafe und döse. Das Büssli ist offen, damit der Wind durch kann. Etwas Staub ist dabei, was soll’s. Der Wind ist aber weiterhin glühend heiss, und wir schwitzen vor uns hin. Um mich geistig abzukühlen, fahre ich im Geist alle mir bekannten Pisten von Gotschna-Parsenn in Klosters (Räto!) mit dem Skiern ab, vom Kreuzweg über die Donauwellen in die alte Schwendi, wo ich einkehre und einen Most mit Käse genehmige. Das tut gut, hilft aber nur zeitweilig.

Nach drei Stunden Pause, die uns sehr gut getan haben, weiter. Wir haben die Klimatisierung verbessert: um den Hals ein nasses Tuch von Agfa (Heinz-Günther!), ein weiteres an der Beifahrertüre als Sonnenschutz eingeklemmt. Und glücklicherweise ist das böseste überstanden. Die Baustelle wird etwas besser, ist dann nach weiteren 70 Kilometern fertig. Elo fährt nun für zwei Stunden. Zuerst ist die Strasse fast gut, dann aber wieder 40 bis 50 Kilometer im obigen Zustand, 20, 35, Stand, 20, 35, Stand…Elo meistert das bravourös.


Kontrollstellen
Jeder Uebergang von einer Provinz in die andere ist mit einem Kontrollposten bestütckt, mitten in der Wüste oder an anderen Orten. Die Ausländer lassen sie durch, in der Regel, Touristen sollen bevorzugt bedient werden. Aber irgendeiner will dann doch wieder was wissen. Als kurz vor Buchara uns einer anhält, meint Elo: „Wenn der jetzt noch den Pass sehen will, flippe ich aus!“ Aber er ist nur gwundrig, will wissen wohin die Reise geht. „Buchara!“ reicht ihm aus, und er grüsst mich, dass ich ihn als Füsilierkorporal grauslich zusammengestaucht hätte: Hemd offen (es ist heiss), Hut auf Durst wie weiland Polizist Wäckerli (es ist wirklich heiss) und dann die Handfläche nach vorn, alle Finger weit gespreizt und den Zeigefinger an das Käppi-Vordach! Aber gestrahlt hat er wie ein Maikäfer.

In Buchara
Ich fahre dann in die Oase Buchara, die Stadt will einfach nicht kommen. Elo hat die gute Idee: Wir beauftragen einen Taxifahrer, uns zur Adresse vorauszufahren. Es ist nicht einfach, und er muss mehrfach telefonieren.

Dafür ist das Hotel ein Bijou. Zwei Französinnen habe es uns empfohlen. Es liegt im alten jüdischen Viertel. Von aussen unscheinbar, mit einem sehr schönen Innenhof, in dem wir auch frühstücken. Das Zimmer ist gross und gut eingerichtet. Wir sind so durch, dass wir nicht einmal Essen gehen, nur schlafen. Es waren 12 Stunden netto.





Scheibenkleister
Und dann noch die bösen Uedberraschungen: Wir haben in unserer Aufregung am Morgen – kein Wasser für Elo, Angst vor der Tagesetappe bei mir – im Hotel liegen gelassen: alle Unterwäsche und das Ladegerät für das Notebook auf dem ich schreibe, solange der Saft noch hält.

Es war ein Tag zum Vergessen, den wir sicher nie vergessen werden!

30.7.
Rahim hilft uns
Heute haben wir versucht, zu reparieren, was wir gestern Morgen verbockt haben. Zuerst sind wir Unterwäsche einkaufen gegangen. Unterhosen für mich, Slips und BHs für Elo. Das ging mit Hilfe von Rahim, einem Studenten, der uns hier hilft, ganz gut. Strümpfe werden gekauft, wenn wir sie brauchen, es war zu heiss, daran zu denken.

Mit dem Ladegerät ist es schwieriger. Sie haben vielleicht eines, aber das hat 4,5A Input, meine Batterie will 2.15A. Wenn ich das mit 4,5A nehme, geht die Batterie etwas schneller kaputt, da sie oft überladen wird. Aber das würde ich in Kauf nehmen – falls der Anschluss passt, was auch noch nicht sicher ist.

Zurzeit versuchen wir (Rahim) aber noch, das richtige Gerät aus Chiwa kommen zu lassen, mit Reisenden von dort nach hier. Die Kommunikation ist schwierig, aber wir haben Zeit, denn wir wollen einige Tage hier bleiben, uns ausruhen. Die Fahrt von Astrachan hierher war hart.

Die Brissago, die Rahim hier unbedingt versuchen wollte, hat er dann doch nicht ganz fertig geraucht!




Wir schlafen denn auch am Nachmittag und gehen erst um fünf raus, in die Stadt. Noch eine Stunde zu früh, denn in den Strassen knallt die Sonne erbarmungslos. Also in ein Hotel und Tee trinken.

Sprachgemisch
Hier können viele Leute viele Sprachen, zum Teil schon ganz kleine Kinder. Deutsch ist – rudimentär versteht sich – neben Englisch und Französisch – gut vertreten. Untereinader sprechen die Leute oft Russisch, denn es gibt eine lokale Sprache, die in Chiwa oder Nukus nicht verstanden wird, Russisch jedoch von allen. Rahim sagt, er könne besser Russisch als Usbekisch.

31.7.
Heute haben wir die Lehre gezogen und sind um halb acht raus in die Stadt. Wir haben einen grossen Spaziergang gemacht und uns einige der Sehenswürdigkeiten angesehen, so ein sehr schönes Mausoleum, das 1000 Jahre alt ist, eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Stadt, die immer wieder zerstört wurde, unter anderem von Dschingis Kahn, der sich über den Widerstand der Bucharer ärgerte, ganz analog der Roten Armee 1920.


Die Stadt ist voll von Medressen (Koranschulen), die meisten aus dem 15. und 16. Jahrundert, als die Timuriden herrschten, die Nachfolger Timur-lans. Der Islam wird wenig gepflegt. Der Gruss ist zwar „Salam!“, aber keine Muezzins, wenig offene Moscheen, die Bekleidung frei und mit wenig Kopftüchern (junge Frauen fast gar nicht) und eindrücklichen, selbstbewussten älteren Frauen. Alle sind offen, erwidern jeden Gruss und die Kinder sind äusserst zutraulich. Frauen, Männer und Kinder zeigen ein natürliches Selbstvertrauen ohne Arroganz, sehr angenehm.








Jetzt schreibe ich noch, solange die Batterie hält, dann sichere ich, dann gehe ich in die Stadt auf die Bank, wieder mal Geld zu holen. Hier wird übrigens mehr schwarz getauscht, der Dollar bringt 2200 statt 1750 Som.

Usbekische Grie Soss
Am Nachmittag ausruhen, am Abend essen in der Stadt und noch was ansehen. Wir essen gut im Restaurant, das zum Hotel Minzafa gehört und den gleichen Namen trägt. Auf einer wunderschönen Terrasse mit Sonnenuntergang und sehr gepflegter Tafelmusik. Das Essen ist gut, nur das Lammkotelett klein und hart. Als wir es sagen, gibt es 10% Rabatt! Aber dafür gibt es Joghurt mit frischen Kräutern, super. Entweder ist ein Frankfurter mal nach Usbekistan ausgewandert oder ein Usbeke von einer langen Handelsfahrt nach Frankfurt nicht zurückgekehrt, das Gericht erinnert sehr stark an „Frankforter Grie Soss“.

1. August
Heute ist Nationalfeiertag, und zum Feiertag muss was besonderes passieren, am besten etwas, was einem noch nie passiert ist. Und das ist mir dann auch passiert: Ich wurde von einem Hund gebissen!

Chrrr-wuff-schnapp: Drei Löcher
Zuerst machten wir einen zweistündigen Morgenspaziergang. Dann bin ich mit Rahim zur Bank gefahren, um zu erfahren, dass ich morgen wieder kommen solle, heute werde der Juli bilanziert, was gestern (Sonntag) nicht geschehen konnte. Bei der Rückkehr zum Hotel sind wir in einer kleinen Gasse an einem Hund vorbeigekommen, der ganz friedlich da sass. Ich muss einen Schritt in seine Richtung gemacht haben, denn plötzlich höre ich ein Knurr-Gebell – und schwupp, hat er mich in die rechte Wade gebissen, ganz ordentlich, wie es sich gehört: ein tieferes und zwei kleine Löcher. Es hat sich dann herausgestellt, dass die an sich gutmütige und auch geimpfte Hündin (mit Ausweis) Junge hat und um diese Angst hatte.

Wir sind mit meinem Impfausweis und der Gewissheit, dass ich ja gegen Tollwut geimpft bin (danke, Dr. Bruni!), in ein Krankenhaus, wo sich Jakov Andreievitsch, ein älterer Arzt, gewissenhaft und professionell meiner annahm: Ich bekam, wie Dr. Bruni uns gesagt hatte, eine Auffrischdosis Impfstoff, die Wunden wurden desinfiziert und ich habe einen schönen weissen Verband um das Bein.

Dazu gab es einen Rattenschwanz von Vorschriften: Einen Tag wenig Bewegung, damit die Wunden geschlossen bleiben, und 10 Tage lang alles vermeiden, was allergische Reaktionen auslösen könnte: Alkohol, Schokolade, Eier, Coca, Fanta, Wurst – in dieser Reihenfolge, mehrfach bestätigt. Entweder das ist hier Standard, oder er hat mich durchschaut.

Ausserdem wurde ein Veterinär mobilisiert, der den Hund ansah und meinte, er sei nicht krank. Er werde ihn aber noch 10 Tage jeden Tag beobachten, und wenn doch was wäre, müsste ich einen Monat mich spritzen in der Bauchnabelgegend. Jakov wird mir das aufschreiben, denn ich gehe morgen nochmals hin, und Rahim wird mir mitteilen, wenn ich was machen muss. Unkraut verdirbt nicht.

Ladegerät gerettet
Dafür ist das Ladegerät, und damit der Blog, gerettet. Rahim ist ein Goldstück. Von Chiwa gibt es keine direkte Busverbindung nach Buchara, und nach Urgench die grosse Stadt in der Nähe konnte/wollte das Hotel das Ding nicht bringen lassen. Rahim kam nun auf die Idee, am Taxistandplatz nach Urgench einen Fahrer zu suchen, der dann gegen Taxientgelt für die Zusatzstrecke noch nach Chiwa fuhr. Er hat ihn gefunden und das Ding ist hier. Die beiden Säcke mit der Wäsche, die sie als „Kissen“ bezeichneten, haben sie nicht mitgegeben. Sollen sie mit meiner Unterwäsche glücklich werden!

Warmer 1.8.
Der Nationalfeiertag müsste hier gefeiert werden, denn in dieser Jahrezeit regnet es nie, und es ist schön warm: 45° Celsius. Da fiele kein Fest ins Wasser.

Aber ich darf mir heute auch was wünschen. Rahim meinte, immer wenn einem etwas zu ersten Mal passiert, dürfe man sich was wünschen. Ich wünschte mir ein gutes Gelingen unseres Projekts. Es ist uns auf jeden Fall nicht langweilig.

2.8.
Heute gab es einen kurzen Spaziergang (Arzt!), aber dafür eine sehr schöne Medresse und eine, die an sich noch geschlossen war: Darin lagen die Reste eines Festes von gestern Abend und ein Teil der Teilnehmer, die im Freien übernachtet hatten, noch herum. Sie werden kaum der drei Eidgenossen von 1291 gedacht haben.

Bank zum x. Mal
Heute wollte ich noch Geld holen, nachdem sie gestern gesagt hatten, hier könne man in der Filiale der gleichen Bank wie in Nukus bis 5000 $ abheben. War das eine Uebung! Nur schon die Leute im Raum, die alle warteten. Dann der Mann, der, seine Wichtigkeit unter offensichtlichen Beweis stellend, grad noch eine Arbeit fertig machen musste. „2 Minuten!“, die Null hinter der Zwei hat er unterschlagen.

Als wir dann endlich dran waren, meinte er, die Bancomatkarte Maestro ginge auch. Gesagt getan, aber seine Maschine behauptete, es sei kein Geld auf unserem Konto (Monika und Ruedi?). Aber mit der Mastercard vom gleichen Konto war nur der Betrag zu hoch, 500 $ gingen problemlos. Analog mit anderen Karten. Als ich dann 1500 $ zusammen hatte, gaben die Kartenmaschine und der Angestellte erschöpft den Geist auf.

Aber immerhin, und los zum Chef im ersten Stock für die Unterschrift auf das Riesenformular, das der andere noch ausgefüllt und ich an drei Orten unterschrieben hatte, und dann in die Halle der Auszahlungsschalter. Von 8 Schaltern war einer besetzt, eine Riesenschlange, ein Drängeln und Durcheinander. Nach 10 Minuten hatte ich genug. Ich schickte Rahim zum Bankboss, mit der Botschaft, der Ausländer sei krank, verletz, müsse zum Arzt. In 5 Minuten hatte ich das Geld. Ich mache das nicht gern, aber schliesslich hat mich ja ein usbekischer Hund gebissen.

Jakub Andreievitsch
Der Arzt war wie gestern strahlend, aufgeräumt, kompetent. Er sah sich die Wunde an, die nicht schmerzt und gestern nur ein wenig Muskelspannen verursachte. Er lobte den Fortschritt und meinte alles sei sehr gut. Er hat wieder verbunden, und morgen gehe ich nochmals hin. Ich habe ihm dann 10 $ gegeben, das Doppelte, was die Leute hier mir vorgeschlagen hatten. Aerzte sind, wie schon in Sowjetzeiten, schlecht bezahlt.

Er hatte die Stadtregierung über den Unfall informiert, und Rahim musste anrufen und bestätigen, dass es mir gut geht. Dann wollte ich Jakub fotografieren, aber das wollte er nicht. Er habe mal einem Japaner einen Finger wieder angenäht, und sein Bild sei dann in den USA in der Zeitung gekommen. Darauf hätte ihn die Regierung belästigt und immer wieder wissen wollen, was er mit Amerika zu tun habe. Er hat sich bei der Geschichte gekugelt vor Lachen. Zum Glück habe ich ihn vorher geknipst, als er telefonierte und es nicht merkte.

Ausruhen in Buchara
Buchara ist eine sehr schöne Stadt, in der wir uns fünf Tage ausruhen. Wir fahren übermorgen nach Samarkand. In Buchara können wir alles gut zu Fuss machen, und wir haben mit dem Minzifa ein gutes Hotel mit ausserordentlich freundlichen Menschen.

Die Hauptreisezeit für Buchara ist April/Mai und September/Oktober, wenn es nicht so heiss ist. Aber dafür hat es jetzt fast keine Touristen, nur viele Franzosen, die offensichtlich hitzebeständiger sind als andere Nationen. Wir bekommen überall Zimmer ohne Anmeldung, in den Medressen und Moscheen sind wir oft allein, und wir sehen das Leben der Einheimischen und nicht nur Touristen.

Unser Rhythmus ist: 7 Uhr aufstehen, ungeduscht auf den Morgenspazhiergang ist die Stadt, wo um 8 die ersten Denkmäler (meist aus dem 15. und 16. Jahrhundert) öffnen. Um 9 Frühstück im Innenhof des Hotels vor unserem Zimmer mit frischem Jogurt, Früchten aus der Oase (Trauben und Pfirsiche), gutem Brot und feiner Confi, Schwarztee soviel wir wollen, einer Eierspeise, Käse und Wurst. Dann lesen, schlafen, Business (Bank, Arzt, Internet), schlafen, lesen. Um 1830 Abendspaziergang, Monumente, etwas einkaufen, essen. Wir habe eine Weinprobe mit einer ausgewiesenen Fachfrau gemacht, vorab auf Russich. Es war nicht schlecht. Und wir haben ein schönes Bild gekauft und zwei schöne traditionelle Hemden. Den schwarzen Geldwechsel besorgt in der Zwischenzeit Rahim. Es ist ruhig und gemütlich, es ist schön und das tut uns gut.

So, jetzt ab ins Internetcafe und weg mit dem Blog!

2.8.2011/1330h/Jürg