Donnerstag, 13. Oktober 2011

2-V Peking

Peking einmal mehr
Unsere erste Wohnung in Peking 1972: erster Stock (europäische Zählung), Fenster 2-4 von rechts

Wir sind wieder einmal im Peking. „Beijing“ will mir weder über die Lippen noch die Tastatur des Notebooks. Schliesslich schreibe oder sage ich auch nicht „Roma“ oder „Moskwa“. Das wievielte Mal, das weiss ich nicht, aber es waren in den vergangenen über 39 Jahren einige Besuche. Und immer wieder ist China irgendwie einen Schritt weiter, und doch halt wieder China.

Das  beginnt im Flugzeug. Es ist laut, es wird gedrängelt, es wird überall gegessen. Auffallend nach der Diszipliniertheit Japans.

Exkurs: China heute allgemein

(Wir bringen hier einige Gedanken zum Stand der Entwicklung Chinas politisch und wirtschaftlich allgemein, damit wir das dann später nicht immer wieder einfliessen lassen müssen. Es sind ein paar Dinge, die uns aufgrund unserer 40-jährigen Beschäftigung und Erfahrung mit diesem Land aufgefallen sind. Wen das nicht interessiert, der kann das ja überspringen. Das Ende des Exkurses wird angezeigt.)

„Demokratie kann ich nicht essen“
Wie es gelingt, eine solche Menge so quicklebendiger und lebenshungriger Menschen einigermassen in Ordnung zu halten, erstaunt immer wieder. Es ist wohl eine Mischung von laisser faire und rigider Rahmendisziplin. Letztere stösst uns Ausländern immer wieder auf, wir kritisieren – zu Recht – die Einschränkung der Menschenrechte. Aber für die Chinesen selbst sieht das oft anders aus, oder wie es ein Bauer in einem Interview 1989, dem Zeitpunkt des Tiananmen-Massakers, auf den Punkt gebracht hat: „Demokratie kann ich nicht essen.“

Die Menschen hier beschäftigen in der grossen Mehrheit andere Fragen und dabei zur Zeit vor allem die Inflation. Sie ist nicht galloppierend, aber sie ist vor allem im Bereich der Lebensmittel stark, teilweise weit über 10 Prozent. Und das schenkt für Arme, Alte und die Landbevölkerung saftig ein. Für arme Alte auf dem Land muss es schlimm sein.

Vor diesem Hintergrund ist die Korruption von Beamten und Parteikadern und vor allem beamteten Parteikadern schlimm, und sie wird von der Bevölkerung, die in politischen Fragen wenig interessiert ist, mit Empörung wahrgenommen. Aber halt auch als eine Plage wie Insekten oder Ueberschwemmungen, ein Naturereignis quasi. Solange es der immer grösser werdenden vor allem städtischen Mittelschicht wirtschaftlich gut geht, ist das für die Herrschenden kein grosses Problem.

Pragmatische Chinesen
Denn ein Hauptcharakterzug der weitgehend konfuzianisch geprägten chinesischen Gesellschaft ist der Pragmatismus. Religionen und Weltanschauungen sind gut, wenn sie dem täglichen Leben dienen. In einem chinesischen Tempel finden sich oft Konfuzius, Buddha und der Taoismus friedlich vereint; es können ja alle drei helfen. Daher ist auch die Frage der Menschenrechte eine praktische: Wenn die Rechte von mir als Menschen im täglichen Leben eingeschränkt werden, dann stört mich das, sonst ist mir das egal. Als Prinzip interessieren sie mich nicht. Und ausserdem: „Der Himmel ist gross, und der Kaiser ist weit“, hiess es schon immer. In einem Land wie China kann man oft ausweichen, wie der Dokumentarfilmer, der, als die Zensur hier in Peking ihm zu lästig wurde, in die Provinz zog, wobei Provinz dann auch eine Millionenstadt ist.

Fett auf der Suppe
So präsentiert sich uns China als eine Gesellschaft beherrscht von einer schmalen Schicht von Parteiführern, die wirtschaftlich das Land gar nicht so schlecht verwaltet und mit Hilfe eines repressiven Machtapparats von Polizei und Armee und mit Hilfe  einer Zwischenschicht von Beamten und mittleren und unteren Parteimitgliedern die Kontrolle behält, indem sie diese Helfergruppen an der Macht beteiligt und an den wirtschaftlichen Vorteilen dieser Macht. Das sind die Gründe der Korruption und solange das System so ist, wird da nicht viel zu machen sein.

Diese – insgesamt dünne – Schicht schwimmt gleichsam auf der grossen Masse der Bevölkerung wie das Fett auf der Suppe, der Rahm auf der Milch. Und dieser grossen Masse geht es viel viel viel besser als vor 40 Jahren, viel viel besser als vor 30, viel besser als vor 20 und besser als vor 10 Jahren. Auch auf dem Land, aber vor allem in der Stadt und entlang der langen Meeresküste von Korea bis Vietnam und entlang des Yangtse, des grössten Flusses.  Die Städte haben sich enorm entwickelt, das Verkehrssystem ist heute nicht zu vergleichen sowohl auf der Strasse als auch auf der Schiene, das Telekommunikationswesen geht bis in die hintersten Ecken des Landes.

Wirtschaftlich erfolgreich
Insgesamt floriert die Wirtschaft, und China ist längst über die Schwelle des Kopierens zur eigenen Entwicklung fortgeschritten. Der Dollar würde zusammenbrechen, würde China seine Reserven auf den Markt werfen, die Folgen für die Weltwirtschaft wären nicht absehbar. Die Städte Russlands sehen – so zum Beispiel Irkutsk, die Hauptstadt Sibiriens – nach 5 Jahren nicht viel anders aus. In China sind auch Provinzstädte äusserlich oft kaum mehr wieder zu erkennen. Dass ein Viertel der Menschheit heute keinen Hunger leidet ist im Uebrigen eine Leistung, die auch für uns von grosser Bedeutung ist.

Unschön sind, wie gesagt, die Versuche der Regierenden, vor allem im politischen, intellektuellen und kulturellen Bereich die Kontrolle zu behalten. Zwar ist die Diskussion untereinander heute weitgehend frei. Sie wird eingeschränkter, wenn sie schriftlich erfolgt, aber auch hier ist viel mehr möglich, als wir uns, die wir dann unsere Brille der Ideologie auf der Nase haben, vorstellen können, vorstellen wollen. Und sie wird gefährlich, wenn sie sich ans Ausland richtet und von im Ausland bekannten Figuren geführt wird. Der Künstler Ai Weiwei ist ein Beispiel dafür. Aber, so hat uns ein Freund hier erzählt, die Verhaftung sei von der Führung nicht gewollt worden, sondern eine Aktion einer untergeordneten Polizeistelle gewesen. (Es sei denn, so mein persönlicher Verdacht, die Fraktion der Holzköpfe im Politbüro wollte der Fraktion der Fortschrittlicheren – es sind graduelle Unterschiede – eins ans Bein hauen, war doch gerader der deutsche Aussenminister im Land, und Ai wollte ja nach Berlin.)

Aber innerhalb dieses Rahmens wird diskutiert, kritisiert, geschimpft und nach Auswegen gesucht, die auch meist gefunden werden. Wenn wir im Westen von etwas hören, was in China passiert ist, ist die Quelle meist eine chinesische, sei es die lokale Presse, sei es das Internet. Der Versuch, das Internet zu kontrollieren, ist lächerlich. Heute nutzen 300 bis 400 Millionen Chinesen dieses Medium, und es gibt gute chinesische Plattformen und allerhand Möglichkeiten die Zensur von Google&Cie zu umgehen, die ja sogar teilweise eine wirtschaftlich bedingte Selbstzensur ist oder, wie bei Google, ein Rückzug angesichts der erfolgreicheren chinesischen Konkurrenz. Und so kommen die, die es wollen, an die Informationen, werden die Informationen verbreitet. Oder wie Deng Xiaoping, der Vater des heutigen China, es treffend sagte: „Wenn Du das Fenster aufmachst, kommen auch Fliegen herein“.

Freiheit und Verantwortung
Zu bedenken ist auch, dass es in China kein Bürgertum im westlichen Sinne gibt. Aehnlich wie in Russland, fand nie eine bürgerliche Revolution statt, in der eine neue Schicht sich nicht nur Freiheit sondern auch Verantwortung erkämpfte. Freiheit und Verantwortung sind die siamesischen Zwillinge der freiheitlichen Gesellschaft. Freiheit ohne Verantwortung geht ebenso wenig wie Verantwortung ohne Freiheit. Und eine Schicht von Menschen, die bereit sind, nicht nur Freiheit – die sie im privaten Leben ja eben weitgehend erhalten – sondern auch die Verantwortung für die Gesellschaft einzufordern, diese Schicht gibt es zur Zeit nicht. So wird es noch einige Zeit dauern, bis den Herrschenden die Verantwortung für vor allem die wirtschaftliche Entwicklung, die ihnen ganz gern delegiert wird, abgenommen wird. Der Prozess der Demokratisierung Chinas wird viel Zeit brauchen. Ansätze sind da.

Ein grosses Land
Und schliesslich ist, was die Berichterstattung über China betrifft, noch zu bedenken, dass China ein sehr grosses Land ist. China hat wohl mehr Bevölkerung als ganz Nord- und Südamerika zusammen. Und das nicht in über 20 Ländern sondern in einem. Wenn alle Medienmeldungen aus dem Amerikanischen Doppelkontinent immer auf ein Land bezogen würden – und in der Regel sind das ja nicht Meldungen über schönes Wetter und liebe Leute, sondern Katastrophen und Missetaten – hätten wir auch den Eindruck, dass da allerhand im Argen liege. In China ist es halt immer China. – jb.

Die Repression ist für den Normalbürger nicht spürbar. Im Alltag kann jeder tun und lassen, was er will. Die meisten Menschen sehen deshalb auch keinen Grund, sich irgendwie politisch zu engagieren. Proteste aber werden laut – es gibt im Land jedes Jahr mehrere hundert Demonstrationen – gegen korrupte Beamte, gegen Ungerechtigkeiten bei Landverkäufen und sogar Landenteignungen, gegen den zunehmenden Graben zwischen Arm und Reich.

Es erstaunt immer wieder, mit welcher Härte die Herrschenden gegen jene vorgehen, die nichts anderes tun, als im Internet auf solche Zustände hinzuweisen und Presse- und Meinungsfreiheit zu fordern. Diese Dissidenten haben oft Blogs, die zwar von Tausenden mit Interesse gelesen werden, die aber keinerlei Folgen haben. Und Leute wie der Friedensnobelpreisträger Liu Zhaobo oder der Künstler Ai Weiwei sind in China ziemlich unbekannt – auch wenn sie wegen ihrer freien Rede im Westen oft zitiert werden.

Was die Mächtigen in China wirklich zu befürchten haben, ist ein Einbruch der Wirtschaft. Sobald nicht mehr alle satt werden, erwacht der Widerstand. Das wissen die Herrschenden, und sie tun alles für Brot und Spiele. Dabei erkennen sie nicht, dass demokratische Freiheiten die Wirtschaft nicht behindern, sondern deren Entwicklung fördern, dass gesellschaftliche Harmonie nicht durch schöne Worte entsteht, sondern Folge sozialen Ausgleichs ist, dass öffentlich Auseinandersetzungen und Pressefreiheit nicht zu mehr Unzufriedenheit führen, sondern ein Ventil, um der Unzufriedenheit auf friedlichem Wege Ausdruck zu geben.

Es sind allerdings nicht nur die Herrschenden, sondern es ist teilweise auch das Volk, das nach den Erfahrungen von Bürgerkriegen, Revolutionen und Fraktionskämpfen Angst vor Chaos und Disharmonie hat.  – eb.

(Ende des Exkurses)

Peking neu und alt
Peking nimmt uns sofort wieder gefangen. Wir sind ja in einem Nobelschuppen abgestiegen, einer der besten Adressen Asiens, im Peninsula. Das Angebot im Internet war überzeugend, und weil wir über 10 Tage bleiben, haben sie uns zweimal hochgestuft und wir sind jetzt in einem Super Deluxe Room im 11. Stock, sehr schön, angenehm, komfortabel. Mit einem wunderschönen Schwimmbad. Waschen lassen werden wir allerdings auch hier nicht, denn neu kaufen ist erneut billiger. Und das tun wir teilweise (s.u.).

Am ersten Abend, nach einem sehr feinen Abendessen, zu dem wir in einem Shanghaier Restaurant von Maomi und Bangying, unseren chinesischen Familienmitgliedern, eingeladen sind, machen wir einen Bummel in die Stadt. Das Peninsula liegt ganz im Zentrum, nicht weit vom Kaiserpalast und noch näher an der Haupteinkaufsstrasse Wangfujing. Und hier sehen wir beides, neu und alt. Die Wangfujing ist nicht wieder zu erkennen. Verschwunden sind die kleinen Läden mit Spezialangeboten, abgerissen. An ihre Stelle sind glitzernde Riesenpaläste getreten, in denen die gleichen Läden zu finden sind wie in Paris, London, Rom, Zürich, Frankfurt, Tokyo (das wissen wir jetzt auch!). Die Strasse ist voll, denn es ist noch die Golden Week, die Woche der allgemeinen Ferien aus Anlass des Nationalfeiertags am ersten Oktober, und in der Golden Week wird gereist, gespeist, gekauft.

Dann biegen wir etwas weiter nördlich nach dem Volkstheater, in dem wir vor vierzig Jahren die revolutionären Peking-Opern von Jiang Qing, der berüchtigten Gemahlin Maos „delektiert“ haben, in eine kleine Strasse – und sind inmitten des alten Peking! Bäume, kleine Läden, Restaurants mit Lammfleischspiessen (fu), Leuten an Tischen auf der Strasse, Radfahrer. Wir schlendern an ihnen vorbei, auch an den öffentlichen Toiletten für die Häuser ohne diese Einrichtungen, die allerdings jetzt technisch aufgemotzt sind.

Es gibt diese Inseln des alten Peking immer noch, und einige werden überleben. Wieviele und in welcher Form ist allerdings offen. Eventuell als Freilichtmuseen oder als Schickimicki-Wohngegenden mit High Tech oder als Rahmen für Tourismusgeschäfte. Oder halt so, wie sie sind. In diesen Gebieten gibt es Hinterhofbars, gute Restaurants in alter oder neuer Form.  Für Kenner, denn sie sind abseits des Touristenstroms. Unser Freund Ueli, der mit seiner Firma „Beijing4Friends“ ein alternatives Programm für Peking anbietet (langsamer Tourismus, schlendern und schlemmen, abseits des grossen Stroms die Stadt geniessen), zeigt uns einiges davon.


Dieses Zusammenspiel von alt und neu macht Peking so interessant. Wir sollten nicht in Nostalgie verfallen, die von den Bedürfnissen der Menschen hier abstrahiert. China will sich entwickeln, chaotisch zwar oft, aber immerhin. Und Peking entwickelt sich ohne Zweifel. Und neben all dem Glimmer der vielen 5-Stern-Hotels und Einkaufspaläste werden auch die Wohnungen grösser und besser, wird am Ausbau der U-Bahn gebaut, entstehen schöne Museen und Parks.


Auch unsere alten Freunde treffen wir. Die Kolleginnen und Kollegen von der Peking Rundschau laden uns ein in ein Restaurant, das 1980 als erste private Gaststätte in Peking begann. Wir essen in den originalen Räumen, und wir essen gut. Ueberhaupt wird der Aufenthalt hier von Essen geprägt sein, denn bis wir alle Freunde gesehen haben, sind die 10 Tage fast um. Auch mein Nachfolger Uwe Kräuter ist dabei, der in Peking geblieben und mit einer bekannten Filmschauspielerin verheiratet ist. Er dreht Dokumentarfilme und ist Kulturvermittler zwischen Ost und West.


Auch hier mit dem Velo
Wir sind in Peking immer viel Velo gefahren. Und wollten das auch jetzt tun. Als wir an der Reception fragen, wo wir Velos mieten könnten, meinten sie, das Hotel hätte eigene, und die sind erst noch gratis! Peking ist eine sehr grosse Stadt, in der du lange Wege gehst, wenn du nicht immer das Taxi nimmst. Ausserdem gibt es hier keine Berge oder auch nur Hügel. Da ist das Velo praktisch. Die Stadt hat viele Velowege entlang der grossen Strassen ausgeschieden, breit und praktisch. Allerdings kommen dir auch hier Velos entgegen, und eher eine Plage sind die vielen Elektrobikes und Elektroroller, die auch hier verkehren. Du hörst sie nicht, ausser sie kommen von hinten und hupen plötzlich. Aber das Velofahren macht Spass.

Wir fahren zur „Seidenstrasse“, dem grossen Warenhaus mit billigen Kleidern und Schuhen, wo wir uns eindecken mit Ersatz für Ausgetragenes und Kaputtgegangenes: T-shirts, Hosen, Schuhe, Hemden, Blusen… und auch eine Reisetasche. Nachdem wir die Hosen noch auf die richtige Länge haben kürzen lassen, kommt alles in die Tasche, diese als Rucksack auf meinen Buckel und dann zurück ins Hotel.






Aus 330  Metern auf die Baustelle eines noch höheren Hauses


Wir fahren auch zum zur Zeit mit 330 Metern höchsten Haus in Peking, dem Peking World Trade Centre. Im 80. Stock trinken wir einen – etwas teuren – Kaffee und rufen alle Freunde an, um die verschiedenen Treffen abzumachen, in der Peking Universität, bei ihnen zu Hause, in der Stadt. So wird mit durch den Smog etwas getrübter Aussicht auf die Stadt im Wandel die Woche gefüllt und verplant. Aber da wir uns genug Zeit genommen haben, gibt es genug Löcher für Veloausflüge.


Golden Week
Wir machen einen Abendspaziergang, der sich zu einer richtigen Abendwanderung auswächst. Zuerst geht es an den Imbissständen vorbei, die zwischen Wangfujing, der Haupteinkaufsstrasse, und Kaiserpalast Osttor aufgebaut sind. Was es da nicht alles gibt: Lammspiesse (wir essen zwei), gebratene Jiaozi (die Pekinger Urform der Ravioli, die Marco Polo nach Italien gebracht haben soll, wir essen ein Portion), dann an Spiessen alles was da kreucht und fleucht: Tintenfisch, Vögelchen, Innereien, Süssigkeiten, Fische, Krebse und und und.

Es sind unwahrscheinlich viele Menschen unterwegs, und dem meisten sieht man an, dass sie aus der Provinz oder vom Land kommen. Sie benutzen die Golden Week für eine Reise nach Peking, und dazu gehört der Abendbummel ins Zentrum, an die Wangfujing und zum Tiananmen, dem Tor des Himmlischen Friedens. Und dann gehen wir in Richtung Osttor und kommen an den Wassergraben rund um den Kaiserpalast – und da herrscht tiefste Ruhe! Wenige Pekinger beim Abendspaziergang, einige Fischer mit mehreren Ruten, Liebespaare. Die beleuchteten Ecktürme und Tore des Palasts spiegeln sich im Wasser, auch die Weiden und der halb volle Mond. Ein Idyll.




Zum Tiananmen können wir nicht direkt, das ist abgesperrt, und wir machen einen grossen Umweg bis zum Westtor und dann erst runter zum grossen Changan-Boulevard. Und da sind wir dann wieder in der Golden Week, und wie! Unmengen von Touristen schlendern – laut, wie es sich in China gehört – am Tor des Himmlischen Friedens vorbei, von dem aus Mao 1949 der Welt bekannt gab, das China aufgestanden sei.

Festung Tiananmen
Aber das Schlendern hat Hindernisse, polizeiliche und militärische. Der Platz ist eine Festung. Schon in den idyllischen Ecken des Palastgrabens haben wir uns gefragt, was die Soldaten da machen, die überall rumstanden. Und was die Polizeifahrzeuge, die zwar nicht mit Sirenen aber immer mit Blinklicht patrouillierten. Hier vorne wurde es uns klar. Ueberall Schranken, zwischen denen wir durchgehen, immer Soldaten, demonstrativ, auch Polizei in Kampfstiefeln, immer zu mehreren. Wir wechseln auf die andere Seite vor dem Volkskongress, unter der Strasse durch, auch dort Militärposten. Wir wollen ja auf den Platz des Himmlischen Friedens (!), auf dem das Revolutionsdenkmal steht und auch Maos Mausoleum. Aber das geht nicht im Direktgang, wir müssten nochmals unten durch, denn der gerade Weg ist hier mit Gittern vermacht. Wir lassen es bleiben und kehren – unten durch – auf die andere Seite zurück, wo wir durch Menschenmassen, Absperrschleusen, Militärposten und Polizeifahrzeuge am Tiananmen vorbei“spazieren“.

Angst vor dem Volk
Die Angst vor dem Volk und seiner Spontaneität sitzt den Herrschenden offensichtlich tief in den Knochen. Der Platz vor dem Tor ist seit hundert Jahren ein Symbol. Hier protestierten die Studenten 1919 gegen den Versailler Vertrag, der China schmählich behandelte. Hier riefen die Kommunisten die Volksrepublik aus. Hier fanden und finden die grossen Paraden statt, auch die der Kulturrevolution. Hier protestierten die Studenten 1989 und hier wurden sie niedergemacht. Und hier versammelten sich, wie aus dem Nichts, vor einigen Jahren viele Tausend Anhänger der Sekte Falongong zum Gebet.

Maos Spruch vom Funken, dem revolutionären, der einen Steppenbrand entfachen kann, haben die Chefs vor Augen, wenn sie Kleinräumigkeit im Grossen, Abgrenzugen und Einzäunungen schaffen. Dem flanierenden Volk scheint das nicht viel auszumachen, es bewundert Chinas Grösse, die sich an diesem Ort eindrücklich manifestiert, auch wenn die Lichtergirlanden an Bäumen und Gebäuden eher an Weihnachten oder Disneyland erinnern. Uns hat es gestunken, wir werden nächste Woche nochmals hingehen. Vielleicht ist es dann besser, wenn das Volk wieder zuhause ist und arbeitet.

Kulinarisches Peking

Wir geniessen die vielfältige chinesische Küche Pekings. Wir kaufen Fleischspiesse auf der Strasse, ebenso wie das feine nordchinesische Yoghurt, „Suanniunai“ genannt, suan für sauer und niunai für Milch. Dann gehen wir in ein einfaches Nudellokal und essen eine Portion Jiaozi, die Ravioli eben, gewürzt mit schwarzem Essig.

Am Abend ging es dann vornehm in eines der besten Lokale für Peking-Ente. Eine muss für uns dran glauben. Sie ist nicht sehr teuer, aber Jiaozi könnten wir im Lokal vom Mittag (inclusive einer Portion Tee und ein Bier) fast zwanzig Mal essen. Die Speisekarte im Entenrestaurant war ein Tablet-Computer, auf dem wir die verschiedenen Bereiche des Menues antippen konnten, dann kamen Bilder, dann konnten wir mit Antippen ein Häkchen setzen, dann zu den Getränken gehen usw. Bier allerdings gab es in der englischen Version nicht, auf dem Tisch aber dann doch!

Morgen gibt es in einem Lokal für Einheimische „Hougou“, mongolischen Feuertopf, wie wir ihn auch zuhause manchmal für unsere Gäste machen, aber hier wird er originaler und damit besser sein, aber auch im Kupfer- oder Gusseisentopf mit Holzkohle in der Mitte und der Suppe rund herum

Modern Times
Heute waren wir also mit Freund Wang  Feuertopf essen. Aber es war nicht genau das, was wir uns in unserer Nostalgie vorgestellt hatten. Ich fragte einen Concierge nach einem Restaurant dafür in der Nähe des Hotels, und zwar eines, in das die Chinesen gehen, in das er gehe, nicht eines für Ausländer. Er riet uns eines an der Hauptkreuzung der Wangfujing, im 8. Stock eines dieser glitzernden Einkaufspaläste mit den Markenläden, auch in Barcelona, Seoul, Toronto oder Genf findest, um einmal andere Städte zu nennen.

Und wir waren denn auch etwas geschockt, als wir reinkamen: Durchgestylt, hochmodern, hightech mit Induktionsherden in der Mitte der Tische, kurz: Glitzer, Glanz & Glamour. Der Laden läuft sieben Tage die Woche rund um die Uhr, 24 Stunden. Aber es stimmte alles.

Es waren fast nur Chinesen da, junge und mittelaltrige vor allem. Und das Essen war hervorragend, die Stimmung im Lokal merklich gut, der Service schnell und perfekt, wie ihn die Chinesen lieben. Und der Preis stimmte erst noch, und wie. Für drei Portionen Fleisch, drei Gemüse, Tee à discrétion und ein Bier bezahlten wir 230 Yuan oder umgerechnet 34 Franken. Da meinte dann sogar Lao Wang, dass dies auch für normale Chinesen erschwinglich sei und nicht, wie er bei der Ambiente angenommen hatte, ein Lokal mit Spitzenpreisen.

Das moderne China ist eben nicht so, wie wir es uns wünschen, sondern so, wie es sich die Chinesen wünschen. Und da gibt es zwar auch noch den alten Feuertopf, aber auch den neuen!

Hutong
Auf der Suche nach einem Coiffeur für uns beide sind wir durch den Hutong, das ist die Bezeichnung für die kleinen Strassen mit den einstöckigen Wohnbereichen hinter schmalen Türen, wo ein Gutteil des Lebens im Sommer auf der Strasse stattfindet, heute sind wir also durch diesen Hutong gestreift. Und es ist unwahrscheinlich, was so nah an der Glitzerwelt der Einkaufspaläste dort noch an traditionellem Leben abläuft. (Ich lasse hier im Blog Bilder sprechen:)


















Auf weiteren Fahrten sind wir dann auch durch ganz schmale Gassen gekommen, die entstanden sind, als zwischen zwei Häuserblockreihen links und rechts wild weitere einstöckige Wohnungen aus Backsteinen aufgebaut wurden. Die Strassen sind so eng, dass die Wäsche an Leinen oder Stangen dazwischen aufgehängt werden kann, sie wird auf Kleiderbügeln mit Stäben hochgehievt, ähnlich wie in den Kleidermärkten in ganz Asien.

Die Autos, die Bewohner dieser Gassen unterdessen auch besitzen, stehen ausserhalb der Quartiere in grösseren Haufen.

In den Hutongs und in Seitenstrassen von Vorstädten sehen wir viele andere Szenen, die ich Euch auch nicht vorenthalten will.





Kunstszene

Dass die chinesische Kunstszene sehr lebendig ist, wissen wir nicht erst seit der Ausstellung Mahjongg, in der der ehemalige Botschafter Uli Sigg seine immense Sammlung in Bern präsentierte. Auch der Skandal um Ai Weiwei hat dies in Erinnerung gerufen. Wir haben schon vor Jahren das Künstlerviertel 798 besucht, als es noch nicht so modern und kommerziell war. Jetzt sind wir mit Ueli Merz in das Quartier Caochangdi gefahren, in dem eben Ai Weiwei lebt und in dem auch Schweizer Galerien wie Urs Meile und Shangart ihre Niederlassungen haben. Was wir gesehen haben, war teilweise eindrücklich, aber für moderne Kunst fehlt uns der Massstab, um ein fundiertes Urteil abgeben zu können.

Was uns aber sehr beeindruckte waren die Fotografien in Three Shadows Photography Art Centre, wo unter dem Titel „Coal and Ice“  Bilder aus Kohlenminen, klassische und neue aus China, Lichtbildschauen, die Details von Bildern deutlich machten. Grossformatige alte und neue Himalaya-Bilder, die die Veränderung der Gletscher dokumentieren. Und alles stellt den Zusammenhang der Kohle mit der Veränderung des menschlichen und des geophysikalischen Klimas dar. Eine eindrückliche Präsentation.

Kaiserpalast und Alte Kunst

In den Kaiserpalast wollten wir unbedingt. Es war schön, wenn auch zu Beginn die sehr vielen Menschen uns etwas störten. Aber es waren meist Gruppen, und diese nehmen die Hauptroute von Süden nach Norden, dann sind sie raus. In den etwas abseits gelegenen Höfen war es fast ruhig. Und dann war da noch eine Ausstellung oben auf dem Mittagstor (Wumen), auf das wir noch nie gekommen waren. Das gab ganz neue Ausblicke. Und die Ausstellung mit kalligraphischen und malerischen Werken aus fast 2000 Jahren war umwerfend. Sie war nicht gross, aber die Kunstwerke waren aus internationalen Sammlungen zusammengetragen. Ich habe selten so schöne Bilder aus der Südlichen Song-Dynastie (vor rund 800 Jahren gesehen), fein der Strich, mehr Andeutung des Umrisses als Ausfüllung des Objekts – Song eben.

Smog
Wir haben gutes Wetter, die Sonne scheint – wenn wir sie sehen. Der Smog ist die meisten Tage sehr stark, die Sonne oft nur stecknadelgross am Himmel, ausser am Abend. Da gibt es gloriose Sonnenuntergänge. Am Smog arbeiten nicht nur die vielen Autos, auch die immer noch funktionierenden Strassenküchen mit ihren runden Briketts aus nassgepresstem Kohlestaub, mit Löchern in der Mitte, die übereinandergeschichtet verbrannt werden, wobei zwar die Löcher wie Kamine wirken, aber die Verbrennung trotzdem miserabel bleibt und die Abgase entsprechend gross.


Hier wird Smog produziert









Nostalgie und Noten
Heute haben wir die Peking-Universität besucht, wo ich von 1972 bis 1974 Deutsch unterrichtet habe. Von aussen ist sie kaum wiederzuerkennen. Mit der U-Bahn sind wir vom Zentrum aus in ca. dreiviertel Stunden bis ans Osttor gefahren. Ich bin seinerzeit mit meinem Rad am Südtor hineingefahren und durch den Campus zum Minzulou, dem Demokratiegebäude, in dem die Abteilung für westeuropäische Sprachen untergebracht war. Das Gebäude dient jetzt Verwaltungszwecken.

Der schöne „See ohne Namen“ ist noch wie er war, wenn auch die Bäume rundherum 40 Jahre älter sind. Meine alten Kollegen von damals sind alle pensioniert, die Studenten sowieso längst ausgeflogen. Aber wir freuen uns, Ma Wentao und seine Frau Tao Peiyuan zu treffen, beide gut Deutsch sprechend. Sie laden uns zum Mittagessen in das Hotel-Restaurant der Peking-Universität ein. Daneben sind Tennisplätze entstanden.


Ma übersetzt gerade ein Buch, das sich mit der Beziehung zwischen Goethe und Schiller auseinandersetzt. Keine leichte Aufgabe, denn er muss Zitate aus Gedichten, Briefen usw. der Dichter und deren Zeitgenossen übersetzten. Etwas konsterniert zeigt er uns Zitate, die – es ist kaum zu glauben – von Goethe stammen. Ich muss sie selbst zwei bis dreimal lesen, um sie zu verstehen und dann festzustellen: Das ist pornographisch! Ja, ja, unser Goethe!

Am Nachmittag besuchen wir Yan Baoyu. Er war Deutschprofessor, hat in der ehemaligen DDR studiert und später in beiden Teilen Deutschlands Lehraufträge wahrgenommen und Ehrungen entgegen genommen. Vor allem aber ist Yan ein grosser Liebhaber und Experte für klassische Musik. Schon als wir das Haus betreten, hören wir Klänge aus Beethovens Fünfter. Sein Zimmer ist voll mit CDs aller grossen Werke und mit Büchern über Musik und Komponisten. Der 88-Jährige hört nicht mehr so gut, aber er ist munter wie eh und je, erzählt von seinen Lehrern und Schülern, von seinen Aufenthalten in Deutschland, von seinen Freunden und seiner Liebe zur Musik. Bis vor fünf Jahren hat er noch sehr gut besuchte Vorlesungen über klassische Musik gehalten.

Nach zwei interessanten Stunden verabschieden wir uns der Hoffnung, einander in alter Frische wiederzusehen. Wir werden über e-mail miteinander in Verbindung bleiben. (eb)

Niedergang der Teekultur
Für eine Teeliebhaberin wie mich wird Asien immer mehr zur Enttäuschung. Es begann schon in Südkorea. Wo immer ich nach Tee fragte, bot man mir Kaffee an. Zum Frühstück bekam ich zwar hin und wieder Tee, aber erst am Schluss, denn zum Frühstück trinkt man in Korea Suppe. Japan ist zwar das Land der Teezeremonie – aber eben mehr Zeremonie als Tee. Auch hier bekam ich in vielen Cafés nur mit Schwierigkeiten einen Tee.

Und in China, wo man früher ausser Schnaps nichts anderes als grünen Tee zu trinken bekam, bringt man mir eine Flasche kalter Limonade (Eistee aus grünem Tee), wenn ich „lü cha“ bestelle. Manchmal hilft es, auf den Kessel mit heissem Wasser zu deuten. Gestern Abend zum Beispiel stellte man mir einen kleinen Kessel auf den Tisch. Ich liess den „Tee“ lange ziehen, aber er blieb immer nur heisses Wasser. Als ich nach Teekraut fragte, hiess es „meiyou“ – haben wir nicht.

Noch ein Tipp vor der Erkältungssaison: Gegen Husten soll Chrysanthementee das nonplusultra sein, gegen Erkältung Ingwertee. (eb)

12.10. ejb

Montag, 3. Oktober 2011

2-IV Kyoto und Fukuoka

Der Fujiama ist gnädig

Der Shinkansen ist ein eindrücklicher Zug. Das erlebte Elo schon beim Einsteigen. Das geht nicht so wie bei uns, wenn die Türen offen sind, gehst du rein.





 
Nein, zuerst wird brav angestanden, bis die dienstbaren Geister, die schon vor dem Eintreffen des Zugs auf ihren Einsatz warten, den Zug auf Vorderfrau gebracht haben. Elo wollte das nicht wahr haben und ist einfach eingestiegen, die Tür war ja wie gesagt offen. Das war der Ueberwachungselektronik dann doch zuviel, und Schwupps!, war die Tür zu, und Elo drin. Sie ist dann schon wieder rausgekommen.


 
Der Zug fuhr dann am Berg Fuji vorbei, den wir Europäer auch Fujiama nennen. Dieser zeigte sich von seiner besten Seite, und diese war wirklich eindrücklich. Eine perfekte Vulkanpyramide bis auf fast 4000 Meter – von Null.




Im Ryokan
In Kyoto bezogen wir unser Zimmer im Ryokan. Dieser ist zwar nicht eines der Luxus-Etablissements, die auch unter diesem Siegel laufen, und in denen sie dich von vorne bis hinten bedienen,  und in denen du auch noch ein Thermalbad in der Suite haben kannst, wenn du das vermagst. Wir sind in  der mittleren Preisklasse abgestiegen, und es ist schön genug.
Ein Zimmer mit Ausblick auf einen japanischen Minigarten, alles am Boden: Bett (Futon nennen das die Eingeweihten), Stühle und Tisch, Teekocher, Fernsehapparat usw. Die Einrichtung ist äusserst geschmackvoll, mit kleinen japanischen Détails.

Und der Comment ist rigide: Im Gang des Erdgeschosses darfst du Schuhe tragen, sonst nirgends. Ueberall, wo Holz ist, sind die Schuhe auszuziehen, und du gehst barfuss oder in Socken, je nachdem was für Schuhe oder Sandalen du trägst. Wenn du das vergisst, ruft dir sicher einer oder eine nach.

Das Hotel ist klein, die Betreuung sehr gut. Es gefällt uns hier.

Kyoto per Velo

Und es hat noch einen Vorteil: 30 Meter vom Hoteleingang ist ein Veloverleih. Das haben wir benützt, zumal das Wetter bisher sehr gut und auch noch heiss ist (knapp 30 Grad). Wir sind an drei von fünf Tagen in Kyoto  viel gefahren und haben viel gesehen. Die Velos sind von grundsolider Qualität und entsprechend schwer. Zudem ist der kleinste Gang schon ganz schön gross. Daher ist es ebenaus ein schönes Fahren, am Berg wird es etwas streng. Aber meist ist es ja in Kyoto flach, nur die schönsten Tempel sind halt an der Bergflanke.

 Velofahren ist hier in Japan etwas speziell. Zum einen gilt auch für die Velos der Linksverkehr, aber daran gewöhnen wir uns gut, nur dass wir es halt manchmal vergessen. Dann hupt es ein wenig, aber wirklich nur wenig. Zum anderen sind die Trottoirs offiziell für beide vorgesehen: Fussgänger und Velofahrer, auch wenn sie noch so schmal sind, die Trottoirs. Und dann fahren die Einheimischen links oder rechts, mit der Einbahn oder dagegen.





Elo in der Einkaufspassage., ganz comme il faut!
Mutter mit zwei Kindern

Aber da wir uns im Touristentrott – also sehr gemächlich und zuguckend, oft auf dem Velo noch kartenlesend oder fotografierend – bewegen, geht das gut. Und es ist ein Genuss. Wir sehen viel von der Stadt. Und wir sind nicht kaputt und können verschiedenes ansehen, was zu Fuss nicht möglich wäre. Denn Kyoto ist zwar kleiner als Tokyo, aber immer noch gross genug






Am Kasura-Fluss



Schönes Kyoto

Und Kyoto ist schön. Zum einen die Lage, inmitten von Hügeln, die sie teilweise auch noch mitten in der Stadt erheben. Und zum anderen die Sehenswürdigkeiten. Da bleibt dir die Spucke weg, würden die Berliner sagen.
Eintrittskarte zum Rokuonji

Was
wir nicht alles gesehen haben. Grosse Tempel von buddhistischen Sekten, in denen die Gläubigen gerade einen Reinigungstag absolvierten, die Burg Nijo der Shoguns, die fast tausend Jahre die eigentlichen Herrscher waren, Tempelanlagen des Zen-Buddhismus (der Zen-Buddhismus ist eine vor allem in Ostasien verbreitete, auf die individuelle Medikation ausgerichtete Form dieser Religion),  Gedenkschreine, einen Friedhof in einem riesigen Tempelgelände. Mit dem Velo sind wir nicht nur den Hauptstrassen entlang, sondern vor allem auch durch kleine Gassen gefahren, in denen wir das Gefühl für das alte Kyoto erfahren (im wahrsten Sinne des Wortes) konnten: kleine Läden, zweistöckige Häuser zum Teil aus Holz, viele Restaurants und links und rechts immer wieder Tempel, Schreine, Gärten.


Die Tempel sind teilweise an den die Stadt flankierenden Hängen gelegen und ermöglichen eine gute Aussicht. Zwar geht es bis dahin jeweils etwas rauf, dafür nachher wieder runter.







 

Schöne Tempel, atemberaubende Gärten.

Die Tempel sind eindrücklich. Grosse und doch harmonische Gebäude, viele Gläubige, gut abgestimmte Anlagen. Sie sind, sofern sie nicht im flachen Teil der Stadt liegen, mit sehr viel Geschick in die Landschaft eingebettet. Der goldene Pavillon Kinkakuji ist wirklich mit Gold überzogen, aber er erhält seinen wahren Glanz erst durch die Parkanlage, in der er steht. Der weltberühmte Zen-Steingarten Royanji ist wirklich einmalig in der Ausgewogenheit. Die Steine müssen da liegen, wo sie liegen. Eine Pagode gibt dem Kiyomiz-Dera-Tempel das Besondere.
 













 



Aber den Vogel abgeschossen hat für uns der Park des Jishoji-Tempels mit dem Silbernem Pavillon Ginkakuji. Es ist nicht zu beschreiben, die vielen Elemente von gestalteter Natur, die über Jahrhunderte getrimmten Bäume, die so gar nicht künstlich aussehen und doch gestaltet sind, die Moosteppiche, die Weiher, die Treppen, die Steinwege im Wald, die Quellfassungen, die Brücken aus Felsplatten – die ganze Anlage.


Wir sind uns einig: In der Gartengestaltung kann den Japanern keiner und keine etwas vormachen!
  
Gar nicht so schlecht gemacht

Und noch etwa hat uns gefallen: In diesen schönsten aller Gärten, die wir bisher gesehen haben, wurden wir immer wieder an unseren Garten zuhause erinnert: der Wechsel von Stein, Wasser und Grün, die Trittsteine im Rasen, der Stein in der Trockenfläche, die Steine über den Weiher, die Treppe hinten hinauf zur Pergola – all das ist in den Zen-Elementen zu finden. Also vermutlich ganz gut gelungen. Ich habe ja damals auch japanische Beispiele studiert, mich inspirieren lassen.






Bleibt noch das – in meinem Kopf schon länger schlummernde, aber noch nicht zur Gestalt gefundene – Projekt des kleinen Wasserfalls vor dem heutigen Bambushain. Das kommt nach dieser Reise dran.





Erste Ideeneelemente

Good Joss
Glückssuche mit Münzen in Nara

Der Lapsus mit der Wahrsagung von Tokyo ist gutgemacht. Im Garten beim Goldenen Pavillon war an mehreren Stellen ein beliebtes Glücksspiel: Eine leicht bauchige Messingschale steht 3-4 Meter vom Wegrand, und es bringt  Glück, wenn du eine Münze reinwerfen kannst. In einem Umkreis von mehr als einem Meter sind jeweils die Räppler und Zehner verstreut, getroffen wird sozusagen gar nicht. Da habe ich es, eingedenk, dass ich angesichts des Bad Joss von drei Tagen zuvor etwas gut zu machen hatte, mein Glück auch versucht. Und siehe da, der zweite Räppler ging, zum grossen Erstaunen aller umstehenden Japanerinnen und Japaner voll in die Schale. Ich habe dann nicht weiter gemacht, versuchen sollte man das Glück ja nicht. Aber ausgebügelt ist ausgebügelt!
Alte Hauptstadt Nara


Hier ist klar, wer wo ansteht!

Heute sind wir mit dem Zug nach Nara gefahren, 40 Kilometer Regionalschnellzug. Etwas langsamer als der Shinkansen, aber zuverlässig und bequem. Die Bahnhöfe sind wirklich auf’s Beste organisiert: Billetverkauf, Zugang zu den Geleisen, pünktliche Züge, klare Organisation. Aber am Morgen ist da wirklich auch was los. Nichts für Leute mit Platzangst.
Buddhismus und Shintoismus prägen Japan
Nara war kurze Zeit im 8. Jahrhundert die Hauptstadt des eigentlich ersten vereinigten Japans. Wichtig war diese Zeit insbeondere für die Festigung der buddhistischen Religion als eine der zentralen Morallehren neben dem Shintoismus.
Ueber 1000-jähriger Baum im Shinto-Schrein

Der Shintoismus, eine mit animisitischen, buddhistischen und konfuzianischen Elementen durchsetzte Religion ist wesentlich staatstragend in Japan. An seiner Spitze steht der Kaiser, der Tenno, der oberster Priester ist. Die schintoistischen Tempel, die erwähnten Schreine, haben oft auch eine politische Bedeutung. Und der Schintoismus spielte eine wichtige Rolle in der Zeit des aggressiven japanischen Imperialismus. Bis heute sind Shinto-Zeremonien oft nationalistische politische Zeichen, die in ganz Ostasien zu Irritationen führen.


In Nara, wie auch in anderen Städten Japans, sind die Heiligtümer dicht beieinander, oft wie durchmischt und schwer auseinander zu halten. Ein Indiz ist die Farbe der Tempel: die shintoistischen sind oft leuchtend orange. Aber nicht immer.
Im Einklang mit der Natur
Der Kofukuji


Immer jedoch sind die Anlagen gut in die Landschaft eingefügt und von harmonischer Bauweise. Und oft riesig. Der Todaiji („ji“ heisst Tempel), der – schon wieder – angeblich grösste Holzbau der Welt, ist wirklich beeindruckend. Und soll, bevor er nach dem zweiten Brand 1709 wieder aufgebaut wurde, noch um einen Drittel grösser gewesen sein.
Andere Tempel sind uralt. Es ist schon eindrücklich, in einer Halle zu sitzen, die vor rund 1500 Jahren gebaut und dann noch, anlässlich einer Verlegung der Hauptstadt, vor 1300 Jahren quasi „gezügelt“ worden ist.
Und immer wieder das Element des Wassers, das Symbol für das Fliessen und auch die Reinigung. Bächlein, Weiher, Quellen, Brunnen, Wasserfälle.




Ganz Japan auf der Schulreise
In allen Tempel flitzen einem die Kinder um die Ohren. Sie sind alle mit ihren Klassen hier und haben meist auch einen Zettel oder ein Heft in der Hand, mit denen sie ihre Aufgaben erledigen. Oft sieht es aus wie Orientierungsläufe: Sie müssen in einem Museum oder in einer Stadt wie Nara bestimmte Punkte ansteuern und beschreiben. Und dann sind sie halt laut und fröhlich, wie Kinder es sind. Dass das nicht immer die heilige Ruhe der heiligen Stätten fördert, stört eigentlich nur die westlichen Edelbuddhisten, die in eben heiligmässiger Versenkung versuchen den geweihten Stätten zu ihrem Recht zu verhelfen und dabei eher deplaziert wirken.
Und wie die Kinder die in Nara frei herumlaufenden und um speziell für sie gebackene Kuchen bettelnden Hirsche füttern ist zum Schiessen. Das ist ein Gehüpfe, ein pubertierendes Gequietsche, ein Gerenne. Lustig und schön.




Bummel durch die Stadt mit Folgen für Elo-san und Jürg-san
Es war sehr heiss heute. Und wir waren dementsprechend geschafft. Nachdem wir einen Schrein, eine Halle und zwei Tempel erwandert hatten, gingen wir Mittag essen. Wir waren so ausgehungert und schlapp, dass wir noch ein Softeis (zusammen, nicht übertreiben!) genehmigen mussten, um überhaupt genügend Brennstoff für den Rest des Wegs zu haben.

Danach machten wir einen Bummel durch die Altstadt Naras, an dessen Ende dann zwar wieder ein uralter Tempel von grosser Schönheit stand. Ein UNESCO-Weltkulturerbe, versteht sich. Diese sind nur in Mexiko dichter gesät als hier, wir werden schon fast snobistisch gegenüber anderen Sehenswürdigkeiten. Auch wenn wir wissen, dass dieses Siegel noch lange nichts heiss, und vor allem die Abwesenheit dieses Markenzeichens.




Wir laufen durch kleinere Strassen, in denen wir auch die Vorgärten der Japaner bewundern. Auf der kleinsten Fläche gestalten sie einen kleinen Park, pflegen und ziehen die Bäume, gestalten ein schönes Arrangement,





Auf diesem Bummel habe ich einen schönen Hausanzug im japanischen Stil gesehen – und gekauft. Elo wollte nicht; sie meinte, sie würde dann im Peking zuschlagen. Auf dem Rückweg sind wir am gleichen Laden vorbeigekommen, und ich fragte die Verkäufern, die gut Englisch sprach, nach einem Musikgeschäft, denn ein guter Freund von uns sucht japanische Tempelmusik. Als ich die Auskunft hatte, hatte Elo ein Stück Hausanzug in der Hand. Wer sie kennt, darf die Farbe einmal (nicht dreimal, das wäre zu leicht) raten: rot!
Gesehen, gekauft. Und nun sind wir Elo-san und Jürg-san.




Sport im Tempel

Im Rengeo-in Tempel wird von einer ausserordentlichen sportlichen Leistung berichtet. Die Tempelhalle selbst stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, sie ist damals neu aufgebaut worden, als die 100 Jahre zuvor erstellte abgebrannt ist, ein Schicksal, das fast alle Tempel Japans ein oder mehrere Male erlebten. Die Halle ist 120 (!) Meter lang und beherbergt 1001 Buddhas und 35 Wächterstatuen aus der damaligen Zeit.


Auf der südlichen Längsempore werden seit vielen hundert Jahren Wettbewerbe im Bogenschiessen ausgetragen, darunter das 24-Stunden-Schiessen über die ganze Länge des Tempels. Rekordhalter ist Daihachiro Wasa, der 1686 in den 24 Stunden 13033 Pfeile verschoss, oder 344 pro Stunde oder 9 pro Minuten – und dabei erst noch 8133 Mal die Scheibe getroffen hat. Geschossen wird sitzend seitlich nach vorn. Wenn heute ein Athlet auf über 10'000 Pfeile kommt, ist das ausserordentlich. Und ein Tragbalken des Dachs wurde in der Halle gezeigt, der durch daneben gegangene Pfeile völlig zerfressen war.

Weitere Meisterleistung der Gartenarchitektur – mal sehen, was sich in Sirnach daraus machen lässt
Ganz in der Nähe des Hotels ist der Shosie-en Garten, ein weiterer Höhepunkt  japanischer Gartenbaukunst. Auf doch relativ kleinem Raum – verglichen mit zum Beispiel englischen oder französischen Parkanlagen – werden immer wieder neue Räume und kleine oder grössere Gärten geschaffen. Jeder Schritt bringt neue Perspektiven. Einfach grandios.

Wir wissen jetzt auch, wie wir unseren Vorgarten, in dem wir eine grosse Tanne haben fällen lassen, gestalten wollen. Lasst Euch überraschen. Ausgedacht haben wir das zum einen auf einer Vorterrasse des oben beschriebenen Tempellanghauses, wo wir dem Nieselregen zugeschaut haben, und zum anderen in der Lobby des nahe gelegenen Hyatt Regency, wo wir bei einem Glas Wein den Nieselregen vorbeigehen liessen.

Das alles nach einem mit einem Stadtbummel verbundenen Besuch in einem CD-Geschäft, das auf buddhistische Musik spezialisiert ist, in dem wir für Freund Hans Uli japanische Tempelmusik besorgten.
Fukuoka/Hakata

Wir sind jetzt (2.10.) in Fukoka, das eigentlich Hakata heisst, da die neue Stadt Hakata die alte weit überflügelt und zu einem Stadtteil degradiert hat, der erst noch Tenjin heisst. Aber erstens hat die Provinz noch den Namen Fukuoka behalten und zweitens der Flughafen auch, also bleiben wir dabei.


Der Shinkansen brachte uns in 2 ¾ Stunden von Kyoto hierher, über 500 Kilometer Luftlinie. Es ging immer durch bergiges Gebiet, daher meist durch Tunnels. Ausserhalb der Tunnels war die Landschaft immer dicht besiedelt, daher Lärmschutzwände. Gesehen haben wir nicht viel. Aber der Zug ist wirklich einmalig. Entweder werden die Städte umfahren und an den Haltestellen für die Zentren bilden sich neue Städte. Shin heisst neu, und so gibt es Shin-Osaka, Shin-Kobe usw. In den Städten wo der bestehende Bahnhof genutzt wird, sind es abgetrennte Teilbahnhöfe, meist im ersten oder zweiten Stock, und der Shinkansen ist eine Hochbahn. Die letzten Waggons verlassen das Perron sicher mit einem Hunderter. Die Kompositionen sind für die bestimmten Städteverbindungen immer die gleichen, und so steht auf dem hochgeklappten Tischli am Vordersitz dass der Wagen Nummer 10 sich in Richtung Hakata befindet, der Wagen 12 in Richtung Tokyo.

Lebendige Stadt

Fukuoka/Hakata ist eine sehr lebendige, interessante Stadt. Es gibt an allen Ecken und Enden Warenhäuser, Einkaufspassagen, Quartiere mit vielen Restaurants, Cafés und Bars. Fukuoka ist eine Hafenstadt, und es münden hier mehrere Flüsse. Dazu hat es auch noch Kanäle, sodass eine schöne Stimmung entsteht.




 

Heute Sonntag war viel los, es war das Wochenende von Music CityTenjin. Die Japaner sind Jazz-verrückt, und es wurde sehr guter moderner Jazz auf einem technisch und musikalisch hohen Niveau gespielt. Daneben gab es auch junge Bands, die den Weg noch suchen – meist sehr laut.




Uniformen und Umgangsformen
Eine Bemerkung noch zu den Einheimischen: Sie sind Uniformverrückt. Taxichauffeure tragen immer mindestens Gilet und schwarze Kravatte, oft haben sie Mützen auf, die einem Feldmarschall nicht schlecht stehen würden. Parkauswächter sind ausstaffiert, nicht wie Oberste, nein dass denn doch nicht, aber wie Oberstleutnants denn schon. Schüler, Verkehrslotsen, Fremdenführer, Billetabreisser im Tempel, Servierpersonal, Verkäuferinnen im Warenhaus – sie alle tragen irgendeine Art von Uniform.

Und sie sind auch immer sehr zuvorkommend und freundlich. Sie verbeugen sich unaufhörlich, sodass ich mir, der ich es dann zum Beispiel beim Abschied aus dem Hotel, nicht tue, etwas ungehobelt vorkomme. Der Kondukteur im Zug ebenso verbeugt sich wie die Dame mit dem kleinen Speisewagen, wenn sie in den Waggon kommt und wenn sie ihn verlässt.

Das Personal im Restaurant verbeugt sich unter lautem Rufen wenn du reinkommst (es wird wohl heissen „Willkommen der verehrte Gast“ oder so was) und natürlich auch, wenn du rausgehst („Danke, beehren sie uns bald wieder und haben sie einen schönen Tag/Abend/Nacht“ oder so was). Und heute Abend in der Beiz kam dann noch das Tüpfelchen auf das i, da haben sie, als sie Bier und heissen Saké (Reiswein) brachten ein Riesengebrüll durch das ganze Restaurant veranstaltet, eine ganze Litanei, von der wir nur „kampei“ verstanden, was, so schlossen wir aufgrund unserer Chinaerfahrung, „aussaufen“ heisst, oder in fein übersetzt „Zum Wohl den edlen Herrschaften“.

Der Herr, der dir auf der Strasse begegnet und dem du freundlich zunickst, verbeugt sich selbstverständlich leicht vor dir. Ebenso wie der Kassier im Minimarkt, der mir das Retourgeld gibt und die Kassierin in der Bar des Hilton, die die Kreditkarte zurückgibt. Und untereinander verbeugen sie sich unaufhörlich. Und doch wirkt das natürlich, freundlich, selbstverständlich und nicht etwa aufgesetzt.

Auch achten sie hier auf gute Ordnung. So wird im Restaurant, in dem mit Tabletts gearbeitet wird, vom Gast der Tisch abgeräumt, wie in der Migros. Aller Abfall wird irgendwie selbst mitgenommen und entsorgt. Es gibt zwar wenig öffentliche Abfallkübel, aber die Japaner scheinen immer einen Weg zu finden, das Zeugs loszuwerden.

Automatenhotel

In unserem Hotel, mit dem wir sehr zufrieden sind (Preis und Leistung stimmen, es ist angenehm), wir die Automatisierung konsequent durchgezogen. Schon beim Einchecken: Ich bezahle das Zimmer nicht an der Reception, sondern an einem der drei Zahlautomaten gegenüber: Ich stecke meinen Zimmerschlüssel in einen Schlitz, dann die Kreditkarte in den anderen, und schwupp, ist der geforderte Betrag abgebucht. Mit der Quittung gehe ich dann wieder zum freundlichen Fräulein an der Reception, und die ist zufrieden.





Wir essen nach der Ankunft etwas Kleines im Hotelrestaurant. Und da muss ich mir helfen lassen. Denn das geht so: Am Tisch, wo wir sofort ein Glas eisgekühltes Wasser serviert erhalten, gibt es eine Speisekarte, einsprachig japanisch zwar, aber mit Bildern. Dann weiss ich nicht weiter. Aber ein junger Mann nimmt mich freundlich am Arm und führt mich in eine Ecke, wo zwei Automaten stehen, mit ganz vielen Knöpfen mit Bildern und Schrift. Ich finde das, was wir wollen, nicht, und er zeigt es mir. Also drücke ich drauf, denn er hat mir irgendwie zu verstehen gegeben, dass ich hier Billete für die Speisen lösen muss, die ich ihm dann zu geben habe. Aber er schüttelt den Kopf: Nein, zuerst muss ich das Geld reinlassen, dann bucht es die Bestellung per Knopf ab. Gesagt, getan, aber wo sind die „Fahrkarten zum Mittagessen“? Aha, ich muss noch mit dem Knopf für das Retourgeld die Bestellung abschliessen. Retourgeld kommt, Billets kommen, ich liefere die Billets ab, ich gehe zurück an den Tisch zu Elo, das Essen kommt – und es schmeckt sehr gut!HHH

Schwer umsorgt
Und in noch Einem sind die Japaner unüberbietbar. Vorschriften über Vorschriften. Es gibt keinen Ort, an dem nicht auf einem Schild zu lesen ist, was zu tun sei, und was zu lassen. Im Lift, in der Metro, auf dem Bahnhof, im Zug, auf der Strasse, im Warenhaus. Und auch auf dem WC.

(Vergrössern erlaubt)

In unserem Hotel-WC hat es nicht weniger als 6 Hinweis-Warn-Vorschriftsschilder in Japanisch und Englisch. Die grössste Litanei findet sich auf dem WC-Deckel, innen. Da wird in allen Details beschrieben, was mit der eingebauten Dusche für das Füdli zu tun, und vor allem, was unbedingt zu unterlassen sei. So darf man unter anderem nicht auf den Klodeckel stehen und es ist strikte untersagt die Duschtoilette („Shower toilet“) auseinanderzunehmen.

Und allerorten wird man ständig mit Ansagen berieselt, die sicher meist auch dazu da sind, jenen armen Menschen, die die Vorschriften nicht lesen können, diese akustisch ans Herz zu legen. Glücklich, wer wie wir weder lesen noch verstehen kann und einfach so vor sich hin lebt. Gefährlich zwar, so ist zu vermuten, aber unbedarft.
Stadtbummel zum Abschluss

Wer findet das Fondue? Vergrössern erlaubt.

Am letzten Tag in Japan wandern wir noch etwas in der Stadt. Zuerst geht’s per Metro an den Stadtrand ans Meer, wo wir vom 35. Stock des Hilton die Aussicht und im 4. an der Bar einen frühen Apéro geniessen. Dann durch Gässchen und einen Park auf einem Hügel mitten in den Häusern zum Hafen. Dort findet zweimal die Woche der Fischmarkt statt. Rund um den Markt sind kleine Restaurants. In einer Passage sieht Elo eine Sushi-Bar. Sushi sind rohe Fische und Meeresfrüchte auf kleinen Reisportionen kunstvoll arrangiert.


Gelungene Architektur












Ein Schiff wird gebaut














Sushi zelebriert
Wir sind zu dieser eher späten Mittagszeit die einzigen Gäste des Familienunternehmens. Und wir werden entsprechend verwöhnt. Dass wir nur eine Portion nehmen, geht in Ordnung. Dazu für mich ein Bier und für beide warmen Saké, den japanischen Reiswein, den wir sehr gerne haben.

Die Sushi werden vor unseren Augen frisch gemacht. Der Wirt, Koch und Clanchef kann etwas Englisch. Er sagt uns, was wir tun und was wir lassen sollen. Dafür erzählen wir ihm von unserer Reise. Er hat Freude an uns. Es gibt eingelegte Zwiebeln und Ginsengwürfel, eine Schale Suppe und eine Schale mit Pilzen in geschlagenem Ei, das im Wasserbad fest gemacht, gestockt wurde.

Und eben Sushi: Lachs, Tuna, Tintenfisch, Sardinen, weiteren Fisch usw. insgesamt etwa 8 Arten. Dann noch eine kleine Süsspeise. Der Chef merkt, dass wir alles teilen, und schneidet jede Portion, die immer eine nach der anderen kommt,  in zwei Teile. Und dann schenkt er uns noch („present“, Geschenk sagt er jeweils), Kaviar auf einer Sosse, eingelegte Maroni und ein Orangen-Liminen Sorbet. Und zum Saké gibt es noch ein Stück speziell eingelegten Fisch, der hervorragend passt.

Ich nehme das Wort nur äusserst sparsam in den Mund, aber es war köstlich! Das Restaurant muss bekannt sein, es war, auch wenn es versteckt liegt, sehr gepflegt.
Das war ein kulinarischer Abschluss wie aus dem Bilderbuch, und nur wer reist, wie wir, kann so eine Ueberraschung finden.

Japan hat uns gut gefallen, es war die Reise wert.

Morgen fliegen wir nach Peking.

3.10 / JB.