Freitag, 21. Oktober 2011

2-VI Nanking und Kanton

(((Ich habe bei Sommerset Maugham eine schöne Stelle gefunden, die meine Motivation, zu schreiben, gut trifft: Nachdem er sich Gedanken über die Mühe der Schreibenden gemacht hat, zufälligen Lesern einige Stunden der Erholung zu ermöglichen, ohne den erhofften Lohn zu finden, stellt er fest: „Daraus ziehe ich die Lehre, dass der Schriftsteller seine Belohnung in der Freude an seinem Tun und in der Befreiung von der Last seiner Gedanken suchen soll; ungeachtet alles Anderen, ohne sich um Lob oder Zensur, Scheitern oder Erfolg zu kümmern.“ (Uebersetzung JB., Original: „The moral I draw is that the writer should seek his reward in the pleasure of his work and in release from the burden of his thought; and indifferent to aught else, care nothing for praise or censure, failure or success.“) Moon and Sixpence (Silbermond und Kupfermünze auf Deutsch), ein sehr lesenswertes Buch, das das Leben Gaugins (verklausuliert) zum Inhalt hat.Ich schreibe also auch weiterhin – abgesehen davon, dass ich meine Mutter und meine Familie und meine Freunde auf dem Laufenden halten will – vor allem für mich, um die Eindrücke zu verarbeiten, damit sie nicht durch die vielen neuen Eindrücke quasi überschrieben werden. Ich lasse die, die das möchten, via Blog gerne daran teilhaben. Die Bilder sind integraler Bestandteil dieses Prozesses.)))

Brissago
Elo hatte die Idee, ein Bild meines genialen Brissagoetuis mit den entsprechenden Erläuterungen an die Brissagofabrik (Manufaktur?) in Brissago zu senden. Im Internet fand ich heraus, dass die tessiner Glimmstengel (Zigarren, nota bene) jetzt nicht mehr der Familie Burger sondern Dannemann gehören. Die Direktorin Frau Pippert freute sich über meinen Bericht und die Bilder so sehr, dass sie mir ins Hotel in Peking ein Kistchen Zigarren schickte! Angeschrieben mit einer Messingplakette „Jürg Baumberger“; die Zigarren handgedreht! Jetzt haben die Brissagi Pause.

Abschied von Peking
Morgen fahren wir mit dem Schnellzug nach Nanjing. Wir nehmen mit etwas wehem Herzen Abschied von Peking. Die Stadt hat uns nach so vielen Jahren – das letzte Mal waren wir vor fünf Jahren hier, bald 40 sind es seit unserer ersten Ankunft – sofort wieder in Beschlag genommen. Und dann all unsere Freundinnen und Freunde. All die vielen Gespräche mit den kultivierten und intellektuell anspruchsvollen Arbeitskollegen, in denen wir über den Graben der doch so unterschiedlichen Kulturen hinweg immer wieder die Brücken des Herzens bauen konnten, die die Grundlage des Verständnisses bilden. Es war schön hier, und wir wollen wieder kommen. Wir werden älter, und das Leben wird Lücken reissen. Peking aber wird uns weiter fesseln, anregen und erfreuen.

Schnellzug chinesisch

Nach Nanjing sind es etwa 1000 Kilometer durch 5 Provinzen. Das macht der Schnellzug in 4 Stunden und 5 Minuten. Mit drei Zwischenhalten. Sehr bequem, perfekt organisiert. Die Strecke ist neu gebaut, nach Shanghai wäre es eine Stunde mehr. Auch die Bahnhöfe wurden neu gebaut, in Peking in der Südstadt, oft aber ganz ausserhalb. Es sind Riesenmaschinen mit Rolltreppen und allen Schikanen. Da wurde ein ganzes Quartier südlich der alten Stadtmauer geopfert, und es ist vom Zentrum nur eine halbe Stunde mit dem Taxi oder 50 Yuan (sieben Franken).

Ganz allgemein sind die Taxis in China heute sehr billig. Vom Flughafen kostet es nur 100 Yuan, eine Stunde Fahrt. Wenn keine Staus sind, und das ist halt meistens der Fall. Da ist, wenn du kein Gepäck hast, die Metro besser. Mit Gepäck nicht, da viel Weg zu laufen ist, und oft auch nur Treppen zur Verfügung stehen.

Wir sind zweite Klasse gefahren, das kostet gut 400 Yuan oder 60 Franken. Fazit: die chinesischen Superschnellzüge sind etwas schneller als die japanischen, und viel billiger. Dafür wohl auch etwas unsicherer. Sie mussten eben 40 Kompositionen zur Revision aus dem Verkehr ziehen. Aber über die Strasse gehen ist in China – und bei uns – sicher viel gefährlicher.


Im Abteil war es sehr lebhaft. Da wurde geredet (laut), telefoniert (lauter), gerufen (sehr laut), gegessen (etwas leiser) und geschlafen (noch etwas leiser, meistens). Aber es war eine gute Stimmung, und wir haben einiges gesehen. So den heiligsten aller Berge Chinas, das viele heilige Berge hat: den Taishan in der Provinz Shandong. Der ist so heilig, weil das Grab des Konfuzius unweit liegt und daher alle wichtigen Kaiser schon mal dort waren. Und wir auch!

Vororte von Peking







Städte auf dem Land







Der Yangtse aus dem Zug








Nach Kanton werden wir fliegen (für je 130 Franken!), denn der Zug hätte rund 24 Stunden, und chinesischen Schlafwagen haben es oft in sich. Elo hat früher einmal einem Quadratschnarchli seinen Schuh an den Kopf gworfen, was ihn aber nicht störte. Am Morrgen habe ich ihn dann beobachtet. Er war doch sehr erstaunt, als er seinen Schuh endlich fand – in seinem  Bett. Elo würde so was heute selbstverständlich nicht mehr tun. Sie würde, sagt sie eben, ihn aus dem Bett schmeissen.

Grüne Stadt mit zwei Mausoleen
Nanjing am Yangtse, gleichsam in der Mitte zwischen dem kargen Norden und dem üppigen Süden,  ist eine grüne Stadt. Viele Parks, Alleen überall, Flüsse und Kanäle und Wassergräben in der ganzen Stadt. Und einen wunderschönen riesigen uralten Park an einem Berg, in dem wir heute den ganzen Tag rumgelaufen sind. Dort sind zwei berühmte Mausoleen, das des ersten Ming-Kaisers Zhu Yuanzhang (Hongwu), 1368 – 1398, und das von Sun Yatsen, dem Führer der Kuomintang in der Revolution von 1911.

Ruhe für den Kaiser
Beim Kaiser kostete es Eintritt, und es waren wenig Leute da. Die Ende des 14. Jahrhunderts gebaute Anlage ist wunderschön und harmonisch. Sie diente als Vorlage für die Kaisergräber bis ins 19. Jahrhundert und war auch formgebend für den Kaiserpalast und seine Hallen. Sie lehnt sich selbstverständlich an frühere Vorbilder an, entwickelte diese aber weiter und gab ihnen eine Form, an der nicht mehr viel verändert wurde.

In den Parks und Alleen war es recht ruhig, es hatte ein schönes Café, in dem wir zweimal einkehrten. Das zweite Mal nachdem wir den Sun besucht hatten. Eigentlich war der Eintritt abgelaufen, aber ich habe der Kontrolleuse die Billets so selbstverständlich nochmals hingehalten, dass ihr wohl die Auseinandersetzung mit diesen Ausländern zu beschwerlich erschien und sie uns reinliess. Wir waren übrigens zum halben Preis reingekommen, da über 60. Elo hat’s gemerkt.



Und geheiratet wurde im Park am Laufmeter, wobei hier vor allem Erinnerungsfotos an historischer Stätte entstanden. Wir haben die Geschichte gehört, dass Ehen auch schon geschieden wurden, bevor diese Bilder entwickelt waren. Modernes China auch hier. Was wir zum ersten Mal gesehen haben, war, dass die Picknicker, die sich in dem Park niederliessen, kleine Zelte dabei hatten. Wohl für den Schlaf danach.





Rämidämi für den Präsidenten
Bei Sun Yat-sen war es gratis, und da war was los. Es war Sonntag und neben den vielen Gruppen waren auch die Städter und ihre Familien im Park. Sun ist zur Zeit Mode, da die Revolution gegen das Kaiserreich vor 100 Jahren stattfand. In den Zeitungen und anderen Medien wird viel Historisches berichtet, da sich auch die Kommunisten auf Sun berufen, allerdings mit anderen Akzenten als die Kuomintang in Taiwan.


Die Anlage ist imposant, sie steht sehr gut in der Landschaft, und der von ganz oben ist sehr schön, wobei auch der Smog sich deutlich zeigt. Wir haben uns an die Hauptachse gesetzt und eine halbe Stunde lang die Prozession in beiden Richtungen an uns vorbeiziehen lassen. Wir wurden dabei auch fotografiert. Was da nicht alles daherkam: Alte, weniger alte, junge und ganz junge. Gut zu Fuss und weniger gut. Mit gefärbten Haaren oder naturgrau oder –schwarz. Traditionell angezogen, modern oder verrückt. Die Grossmutter mit dem Enkel, der Vater mit dem Sohn, die Jungen jeweils fast doppelt so gross. Behinderte (wurden früher versteckt!), Alte im Rollstuhl, Kinder auf den Platten Hüpfspiele machend. Es war hochinteressant.

Dann viele, sehr Gruppen, riesige oder kleine, mit oder ohne rosarote Mützen zur Erkennung, aber immer mit Führerinnen und Führern, die ein Kopfmikrophon aufhatten (head set heisst das modern, ich weiss) und einen mobilen Lautsprecher. Sie erklärten ununterbrochen und nicht alle hatten die Gnade, das Ding in vertretbarer Lautstärke laufen zu lassen, auch wenn es besser war, als in Peking, wo es – nicht nur beim Autofahren – Vollgas gibt.

Der Eingang war gesäumt von Beizen und Verkaufsständen, wie es sich gehört. Das wichtigste an einem chinesischen Museum ist sowieso die Beiz. In einem Geschäft erstand ich eine Doppel-CD mit alten Film-Aufnahmen von Mao, auf denen auch all die Figuren drauf sind, die heute von der Geschichtsschreibung verdammt sind: Lin Biao, Maos Gattin Jiang Qing etc. Hoffentlich läuft dann die Scheibe in der Schweiz, aber die 10 Franken waren mir das Risiko wert.

Fehler
Wir haben Würfel gekauft, unsere haben wir zuhause vergessen. Der Kauf war ein Fehler. Eindeutig. Ich habe 100% der bisherigen Spiele verloren. Alle beide. (PS. Das hat sich korrigiert, das Score ist wieder offen: die zweiten hundert Prozent habe ich gewonnen, es steht 2:2. PPS. Wieder verloren: 4:2!)

Yangste, Stadtmauer, Kanäle und Konfuziusrummel
Nanjing ist wirklich schön. Es liegt südlich des Flusses. Die Altstadt war sehr gross. Sie misst heut von Nord nach Süd über 10 Kilometer, von Ost nach West über 7. Luftlinie.

Wir sind zuerst an den Yangtse gefahren, d.h. zu einem grossen Hügel in der Kette an denen der Fluss den Kopf anschlägt und einen Bogen machen muss. Die Stadt liegt gleichsam hinter den Hügeln, geschützt und doch an der Verkehrsader. Auf dem Hügel, um den die Stadtmauer, die wir erwandern, gezogen ist, auf dem Hügel steht ein grosser Turm aus der Ming-Dynastie, also etwa 600 Jahre alt. Wir klettern die vielen Stufen hoch, stehen vor dem Turm und dann geht es nochmals 6 oder 7 Stockwerke hoch. Die Aussicht ist umwerfend, oder wäre es, wenn nicht der Smog alles in einen recht dichten Schleier hüllen würde. Wir erahnen den riesigen Fluss, auf dem wir vor Jahren schon an der Stadt vorbeigefahren sind – das von uns benutzte Schiff vom Typ „local boat“  wäre eine Geschichte für sich –, wir erahnen die Stadt ein Stück weit und wir sehen nicht mal den Berg mit den Mausoleen.








Aber wir trinken im sechsten Stock einen Tee, über Mittag, und sind daher fast allein. Es ist schön, geruhsam, erholsam nach all der Kraxelei.






Dann geht es per Taxi an das Südende der Altstadt, ans Zhonghuamen, das Chinator, wenn man so will. Dort erfahren wir, dass die Inschrift über dem Tor verfasst wurde von Jiang Kaishek persönlich („himself“). Hoppla, aber er war ja Präsident, als Naking die Hauptstadt Chinas war vor dem Krieg. Die Stadtmauer soll die grösste der Welt sein, und sie ist gross, sie war ursprünglich 33 Kilometer lang. Die Zitadelle selbst war die grösste der Ming-Dynastie. 




Von hier machen wir eine Bootsfahrt durch einen der vielen Flüsse und einige Kanäle. Die Stadt hat viel Wasser und viele Bäume daran. Wir haben ein Schiff für uns, es ist sehr idyllisch, allerdings stinkt es oft. Die Kläranlagen der Altstadt existieren wohl noch nicht überall. Am Abend wird das Ganze dann mit vielen Laternen beleuchtet, schön.






 
 
Kitischig ist das ganze um den Konfuziustempel, mit vielen Girlanden, Blinklichtern, Werbungen usw. Hier ist sowieso ein Riesenrummel mit Markt, Bühne mit Musik und Gesang (chinesischer!). Die Chinesen lieben in der Mehrheit dieses. Wir weniger. Wir verziehen uns einige Schritte und finden über dem Wasser eine Caféterrasse, auf der wir bei Wein und Zigarre (ich, nicht wir) die Sonne untergehen lassen.


Fehler einmal mehr
Depp ist depp und bleibt depp: Morgen gehen wir nach Kanton, wie gesagt. Eben habe ich bemerkt, dass ich zwar ein sehr günstiges 5-Stern-Hotel gebucht habe. Aber ich habe bei der Auswahl geschielt, respektive die Karte nicht richtig gelesen im Internet. Wir sind etwa 20 Kilometer vom Zentrum entfernt! Entweder wir sehen die Stadt, und das Hotel sieht uns wenig, oder wir sehen das Hotel, und die Stadt sieht uns nicht. Ich denke ersteres, zumal das Wetter auch weiterhin gut sein soll.

Der Yangtse aus der Luft








Kanton
City am Perlfluss

Wir sind gut in Kanton gelandet, das Wetter ist schön warm, auch am Abend. Zuerst mussten wir uns um die Fahrkarten nach Hong Kong kümmern. Dabei hat sich die Lage des Hotels als ganz gut erwiesen, denn nach einigen Missverständnissen sprachlicher Art – deren Englisch entspricht etwa meinem Chinesisch – fand ich heraus, dass im nahe gelegenen Stadtteil Huadu ein Bus nach Hong Kong fährt, für gerade mal 100 Yuan oder 14 Franken pro Nase.

Also nichts wie hin, die Karten besorgen. Wir mussten zuerst lästige Privattaxis mit masslos überhöhten Preisen abwehren, dann ging es gut. Huadu ist eine eigene grosse Stadt (Fläche wie Kanton Thurgau und über eine halbe Million Einwohner) mit einer sehr gut ausgestatteten Einkaufsmeile. Wir haben auch dort gegessen.

Taxis und Metro
Das mit der Lage des Hotels ist nicht ganz so schlimm. Eine Viertelstunde mit dem Taxi und dann sind wir in der Metro. Etwas mühsam ist, dass die Taxis wenig sind, dafür die wilden Taxiunternehmer viele. Und die wollen, wie sollte es anders sein, die Ausländer mal kräftig schröpfen. Mittlerweile weiss ich ungefähr, was ein fairer Preis ist, und ich kriege diesen auch durch. Dass aber auch die offiziellen Taxis dieses Spiel treiben wollen und auch die Hotelangestellten dabei sind, ist störend.

Die Metro ist etwas teurer als in Peking, wo – gescheite Verkehrspolitik – jede Fahrt wohin auch immer 2 Yuan oder 30 Rappen. Hier sind es für die fast 30 Kilometer in die Stadt 7 Yuan oder 2 Franken, was für uns immer noch sehr billig ist. In Kanton ist die Metro moderner, die langen Fusswege unter dem Boden wie in Peking gibt es nicht.

Hier kannst du alles kaufen
Den Tag verbringen wir in den Strassen des alten Zentrums, in den Gassen mit den grossen und kleinen Läden. Ein Gewirr von Strassen, Gassen, Lauben, Gässchen und Querverbindungen. Und alles wird für Verkauf und Kauf genutzt. Hier gibt es alles. Eine lange Gasse nur mit Gürteln. Kleider und Schuhe aller Art, oft sehr modisch und dann noch in Grössen, die auch der schlanken Elo passen würden. (Sie meinte, wir hätten die Reise verkehrt rum gemacht: Wären wir jetzt auf der Heimreise, würden wir wohl in einen richtigen Kaufrausch verfallen.)

Ein Strassenzug mit Glückwunschplakaten für alle Jahreszeiten, Feste und Anlässe, mit Fahnen und Bannern und mit schönen roten Umschlägen für Prüfungszertifikate. Ein Geschäft für die kitschigsten Weihnachtsartikel, die sich das erfindungsreiche chinesische Gehirn ausdenken kann. Strassenweise getrockneten Fisch von Seegurken über Haifischflossen bis zu allerhand undefinierbarem aber umso kräftiger riechendem Wasservolk. Gewürze und Pilze aller Art auf hunderten von Metern.


"Let it snow"






Haifischflossen werden verpackt







Das alles in Gassen und Gässchen, rund um die katholische Kirche von 1860, die nach dem 2. Opiumkrieg von 1860 auf dem enteigneten Gelände des Vizekönigs gebaut wurde, unter Lauben und direkt auf der Strasse. Uns ist nicht ganz klar, wo die Grenze zwischen Grossmakrt und Detailhandel liegt; sie muss fliessend sein. Als ich einen Gürtel kaufe und handeln will, sagt die Dame, das sei erst ab grösseren Mengen möglich. Und in allen Läden werden die Produkte in Säcke abgefüllt und dann in Kisten verpackt oder Leinwandumschläge eingenäht.

Transportgewerbe
Ueberall sind Gepäckträger oder besser gesagt Kleintransporteure: auf Velos himmelhoch, auf Dreiradbrückenwagen meterbreit, auf langen oder kurzen Handkarren mit kleinen, einen Riesenkrach veranstaltenden Eisenrollen in alle Himmelsrichtungen. Transportiert wird auf der Strasse, der Fussgängerüberführung, dem Trottoir oder unter den Lauben, in Konkurrenz um die Verkehrsfläche mit anderen Transporteuren, Velofahrern, Autos oder uns Fussgängern. In allen nur erdenklichen Verkehrsrichtungen. Ein Heidenspektakel, aber hochinteressant.









Wir wurden von jungen Damen in gutem Englisch übrigens auch gefragt, ob wir etwas zu verschiffen hätten, von Haus zu Haus. Die Containerschiffe auf den dazu gezeigten Bildern schienen uns aber dann doch etwas zu gross. Aber eins ist sicher: Hier hätten wir das Büssli an den Hauweg 6 in Sirnach schicken können!

Ein Tag im Freien
Kanton hat auch richtige Einkaufsstrassen, die sympatisch sind in ihrer Mischung aus Warenhäusern im alten Stil mit Sachen auch für die normalen Menschen und den hochfeinen Designershops. Es gibt Fussgängerzonen mit schönen alten Bäumen. Wir haben überhaupt den ganzen Tag im Freien verbracht. Wir sind wieder in den Sommer gekommen, sehr angenehm, 28 Grad und abends warm.



Zuerst einen frühen Apéro in einem Strassencafé (Cinzano bianco und ein von der Wirtschafts gespendetes Brot mit eingelegten Tomatenstücken für Elo, Cuba Libre, Glacé und Brissago für mich). Dann einen Tee in einer grossen Gartenbeiz in Shamien, der ehemaligen französischen Niederlassung auf einer Insel des Perlfusses mit viel alter, heute gepflegter Bausubstanz. Diesen liessen wir dann direkt in ein schönes Abendessen auf dem gleichen Stuhl übergehen (Hühnernieren gebraten und eingelegt, gerösteter Reis mit Aalstücken, klassische Band-Glasnudeln mit Rindfleisch, Aubergine gebraten mit Knoblauch, Rippenfleisch vom Schwein gegrillt an pikanter Sauce – alles zusammen mit dem Tee für 185 Yuan oder 25 Franken, in einem sehr guten Lokal). Und dann ging es uns wie dem mit dem Portemonnai beim Matter Mani: „…und fahrt vergnüegt im Tram fürs Füfzgi hei“.

Vergnügungen im Park

Wir sind auf unserer Stadtwanderung in den Volkspark geraten. Da war vielleicht was los. Es wurde getanzt, und zwar sowohl nach chinesischer Musik als auch nach klassischen westlichen Tanzmelodien. Dann wurde gesungen. Einmal war es ein Duett im klassischen chinesischen Stil, begleitet von traditionellen Instrumenten. Dann sang eine Gruppen von mittelaltrigen und älteren Menschen unter Anleitung eines Vorsingers mit Mikro und einer energischen Dame, die auf einem Plakat den Text zeigte und auch irgendwas mit Zahlen, was uns unverständlich war. Sie sangen (ihnen) bekannte Leder, teilweise aus der Kulturrevolution, aber wohl auch andere, Gassenhauer. Und sie sangen gut. Dass all diese Musik von Tanz und Gesang mehr oder weniger ineinander über floss, schien keineswegs zu stören. Wichtig war, dass jeweils vor Ort die jeweilige Musik am lautesten war.


"Sanbu-Sibu" = chinesisch für Walzer












Taktgeberin und...



...der Chor







Dann wird im Park auch Sport getrieben: Federball und das sich Zukicken eines Stoffballs mit Federschwanz waren beliebt, aber auch Uebungen zur Körperbeherrschung oder traditionelles Taichi (chinesische Gymnastik, Schattenboxen wird das fälschlicherweise oft genannt). Und schliesslich die Damen und Herren beim Kartenspielen, die Herren beim Schach, jeweils mit oft grossen Gruppen von Zuschauern, die immer Kommentare abgeben. Kiebitzen ist in China normal und akzeptiert.
  
Mahjongg haben wir im Park nicht gesehen, aber dafür in einer kleinen Strasse vor einem Wohnblock, wo 4 alte Damen grossen Spass am Spiel und am Fotografen hatten.

Die vier vergnügten Frauen



  
Ueberhaupt waren die Spaziergänge in den kleinen Gassen eine wahre Freude.


Perlflussdelta
Die Busreise war sehr instruktiv. Das Perlflussdelta mit den vielen Armen des Flusses ist voll industrialisert. Je näher wir an Shenzhen kommen, umso mehr. Es sind fast immer Komplexe von Fabriken und Wohngebäuden zusammen, das sehen wir an der Architektur und der Farbgebung der Bauten: In der Regel kommt die gleiche Einfärbung des Zements zur Anwendung. Die Fabriken haben grosse Fenster, die Wohnungen kleine und Balkone. Die Wohnungen sind sehr klein, eine Balkontür, ein Fenster. Punktum. Und unten wird auch noch der Laden sein für den Einkauf, damit das Geld nicht weit vom Besitzer weggeht. In gut patronaler Manier einer Frühindustrialisierung. Hier hat es denn in den letzten Jahren auch die ersten Arbeiterrebellionen und Streiks gegeben. Die Lohnarbeit wird hier schon teurer, Abwanderung nach zum Beispiel Vietnam hat begonnen.

Wir sind der Ansicht, dass das Perlflussdelta mit seinen Sweat Jobs, d.h. billiger Textilproduktion für Firmen wie Gucci, die grosse Profite machen, gegenüber anderen Provinzen etwas ins Hintertreffen geraten ist. Die regionale Wertschöpfung ist gering. Die Arbeiter kommen nicht mehr aus dem Hinterland sondern gehen lieber in Provinzen wie Zhejiang, wo mehr originäre Produktion stattfindet und höhere Löhne bezahlt werden.

 

Wir denken daran, wie Shenzhen vor über 20 Jahren ausgesehen hat, als wir es in den Anfängen besuchten. Leere Grundstücke und alte Gebäude. Wir konnten die Visionen der chinesischen Freunde, die hier arbeiteten, nicht nachvollziehen.

Wir hatten Unrecht.

Rüder Uebergang
Ganz im Sinne der einleitenden Bemerkungen zu diesem Blog muss ich noch über ein äusserst unerfreuliches Ereignis berichten, damit ich es los werde: Wir wurden bestohlen, in sehr einfallsreicher Manier zwar, aber das nützt uns nichts. Im Hotel stellten wir fest, dass gut die Hälfte unseres Bargeldes fehlte, über 2000 Franken!

Wie konnte das geschehen? Noch am Grenzübergang nach Hongkong, für den wir den Bus verlassen mussten, war es da, da Elo in ihrer Tasche nach etwas suchte und es sah. Es war in ihrem Rucksack unten, in einer speziellen Tasche. Nach dem Zoll mussten wir den Bus wechseln. Wir kamen im neuen auf Sitze weit vorn und ein freundlicher Mann bestätigte uns, dass der Bus dahin fuhr, wo wir wollten. Dann anerbot er sich, Elos Rucksack in die Ablage über den Köpfen zu tun. Diese war wie im Flugzeug mit Klappen organisiert. Elo wollte erst nicht, aber gab den Rucksack dann doch, der Mann gab ihr noch die Wasserflasche herunter.

Dabei muss er ihn nach hinten geschoben haben. Er hat uns auch abgelenkt, als wir den Abfall unserer Bananen loswerden wollten. In dieser Zeit muss jemand hinten den Rucksack heruntergenommen und dann ausgeräumt haben (es gibt keine Zwischenwände in den Ablagen, nur Deckel nach aussen).

Wir hatten noch Glück im Unglück: Die Pässe waren ausnahmsweise wegen des Zolls bei mir. Und ich muss, als ich etwas fotografieren ging, gestört haben, denn der Mann, so ist uns im Rückblick eingefallen, reagierte nervös, als ich aufstand. So ist nur die Hälfte der Barschaft weg, auch die Kreditkarten sind noch da. Auch im Rückblick ist mir eingefallen, dass ichfand, der Rucksack liege weiter hinten, als er ihn raufgetan hatte, er sein wohl „nach hinten gerutscht“.

Das müssen wir  noch etwas verarbeiten. Nach all der Zeit mit so viel Gefühl der Sicherheit. Und in Hong Kong, in dem wir auch nachts nie Angst haben mussten und wohl auch nicht haben müssen. Aber wir sind uns einig, so etwas gehört halt auch dazu, und insgesamt haben wir ja bisher nur Glück gehabt. Busreisen haben es für uns wohl in sich: Das einzige Mal bisher, wo wir massiv bestohlen wurden, war auch in einem Bus: In Peru haben sie vor etwa 30 Jahren beim Einladen des Gepäcks in Lima diese auf der anderen Seite gerade wieder ausgeladen (auch keine Trennwände!) und wir merkten es dann auf 3600 Metern Höhe und mussten alles neu kaufen.

Dixi et salvavi anima mea, oder so sagte Marx in einer Kritik an seinen Kampfesgenossen: Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet. Ich meinerseits bin zwar nicht zu retten, aber ich bin es nun los!

Und noch eins: Hong Kong ist weiterhin schön, und wir werden von Freunden unseres Feundes Hans Ueli ausserordentlich lieb empfangen!

23.10. / JB.  (Wahltag in der Schweiz, den Rummel haben wir uns erspart!)

Donnerstag, 13. Oktober 2011

2-V Peking

Peking einmal mehr
Unsere erste Wohnung in Peking 1972: erster Stock (europäische Zählung), Fenster 2-4 von rechts

Wir sind wieder einmal im Peking. „Beijing“ will mir weder über die Lippen noch die Tastatur des Notebooks. Schliesslich schreibe oder sage ich auch nicht „Roma“ oder „Moskwa“. Das wievielte Mal, das weiss ich nicht, aber es waren in den vergangenen über 39 Jahren einige Besuche. Und immer wieder ist China irgendwie einen Schritt weiter, und doch halt wieder China.

Das  beginnt im Flugzeug. Es ist laut, es wird gedrängelt, es wird überall gegessen. Auffallend nach der Diszipliniertheit Japans.

Exkurs: China heute allgemein

(Wir bringen hier einige Gedanken zum Stand der Entwicklung Chinas politisch und wirtschaftlich allgemein, damit wir das dann später nicht immer wieder einfliessen lassen müssen. Es sind ein paar Dinge, die uns aufgrund unserer 40-jährigen Beschäftigung und Erfahrung mit diesem Land aufgefallen sind. Wen das nicht interessiert, der kann das ja überspringen. Das Ende des Exkurses wird angezeigt.)

„Demokratie kann ich nicht essen“
Wie es gelingt, eine solche Menge so quicklebendiger und lebenshungriger Menschen einigermassen in Ordnung zu halten, erstaunt immer wieder. Es ist wohl eine Mischung von laisser faire und rigider Rahmendisziplin. Letztere stösst uns Ausländern immer wieder auf, wir kritisieren – zu Recht – die Einschränkung der Menschenrechte. Aber für die Chinesen selbst sieht das oft anders aus, oder wie es ein Bauer in einem Interview 1989, dem Zeitpunkt des Tiananmen-Massakers, auf den Punkt gebracht hat: „Demokratie kann ich nicht essen.“

Die Menschen hier beschäftigen in der grossen Mehrheit andere Fragen und dabei zur Zeit vor allem die Inflation. Sie ist nicht galloppierend, aber sie ist vor allem im Bereich der Lebensmittel stark, teilweise weit über 10 Prozent. Und das schenkt für Arme, Alte und die Landbevölkerung saftig ein. Für arme Alte auf dem Land muss es schlimm sein.

Vor diesem Hintergrund ist die Korruption von Beamten und Parteikadern und vor allem beamteten Parteikadern schlimm, und sie wird von der Bevölkerung, die in politischen Fragen wenig interessiert ist, mit Empörung wahrgenommen. Aber halt auch als eine Plage wie Insekten oder Ueberschwemmungen, ein Naturereignis quasi. Solange es der immer grösser werdenden vor allem städtischen Mittelschicht wirtschaftlich gut geht, ist das für die Herrschenden kein grosses Problem.

Pragmatische Chinesen
Denn ein Hauptcharakterzug der weitgehend konfuzianisch geprägten chinesischen Gesellschaft ist der Pragmatismus. Religionen und Weltanschauungen sind gut, wenn sie dem täglichen Leben dienen. In einem chinesischen Tempel finden sich oft Konfuzius, Buddha und der Taoismus friedlich vereint; es können ja alle drei helfen. Daher ist auch die Frage der Menschenrechte eine praktische: Wenn die Rechte von mir als Menschen im täglichen Leben eingeschränkt werden, dann stört mich das, sonst ist mir das egal. Als Prinzip interessieren sie mich nicht. Und ausserdem: „Der Himmel ist gross, und der Kaiser ist weit“, hiess es schon immer. In einem Land wie China kann man oft ausweichen, wie der Dokumentarfilmer, der, als die Zensur hier in Peking ihm zu lästig wurde, in die Provinz zog, wobei Provinz dann auch eine Millionenstadt ist.

Fett auf der Suppe
So präsentiert sich uns China als eine Gesellschaft beherrscht von einer schmalen Schicht von Parteiführern, die wirtschaftlich das Land gar nicht so schlecht verwaltet und mit Hilfe eines repressiven Machtapparats von Polizei und Armee und mit Hilfe  einer Zwischenschicht von Beamten und mittleren und unteren Parteimitgliedern die Kontrolle behält, indem sie diese Helfergruppen an der Macht beteiligt und an den wirtschaftlichen Vorteilen dieser Macht. Das sind die Gründe der Korruption und solange das System so ist, wird da nicht viel zu machen sein.

Diese – insgesamt dünne – Schicht schwimmt gleichsam auf der grossen Masse der Bevölkerung wie das Fett auf der Suppe, der Rahm auf der Milch. Und dieser grossen Masse geht es viel viel viel besser als vor 40 Jahren, viel viel besser als vor 30, viel besser als vor 20 und besser als vor 10 Jahren. Auch auf dem Land, aber vor allem in der Stadt und entlang der langen Meeresküste von Korea bis Vietnam und entlang des Yangtse, des grössten Flusses.  Die Städte haben sich enorm entwickelt, das Verkehrssystem ist heute nicht zu vergleichen sowohl auf der Strasse als auch auf der Schiene, das Telekommunikationswesen geht bis in die hintersten Ecken des Landes.

Wirtschaftlich erfolgreich
Insgesamt floriert die Wirtschaft, und China ist längst über die Schwelle des Kopierens zur eigenen Entwicklung fortgeschritten. Der Dollar würde zusammenbrechen, würde China seine Reserven auf den Markt werfen, die Folgen für die Weltwirtschaft wären nicht absehbar. Die Städte Russlands sehen – so zum Beispiel Irkutsk, die Hauptstadt Sibiriens – nach 5 Jahren nicht viel anders aus. In China sind auch Provinzstädte äusserlich oft kaum mehr wieder zu erkennen. Dass ein Viertel der Menschheit heute keinen Hunger leidet ist im Uebrigen eine Leistung, die auch für uns von grosser Bedeutung ist.

Unschön sind, wie gesagt, die Versuche der Regierenden, vor allem im politischen, intellektuellen und kulturellen Bereich die Kontrolle zu behalten. Zwar ist die Diskussion untereinander heute weitgehend frei. Sie wird eingeschränkter, wenn sie schriftlich erfolgt, aber auch hier ist viel mehr möglich, als wir uns, die wir dann unsere Brille der Ideologie auf der Nase haben, vorstellen können, vorstellen wollen. Und sie wird gefährlich, wenn sie sich ans Ausland richtet und von im Ausland bekannten Figuren geführt wird. Der Künstler Ai Weiwei ist ein Beispiel dafür. Aber, so hat uns ein Freund hier erzählt, die Verhaftung sei von der Führung nicht gewollt worden, sondern eine Aktion einer untergeordneten Polizeistelle gewesen. (Es sei denn, so mein persönlicher Verdacht, die Fraktion der Holzköpfe im Politbüro wollte der Fraktion der Fortschrittlicheren – es sind graduelle Unterschiede – eins ans Bein hauen, war doch gerader der deutsche Aussenminister im Land, und Ai wollte ja nach Berlin.)

Aber innerhalb dieses Rahmens wird diskutiert, kritisiert, geschimpft und nach Auswegen gesucht, die auch meist gefunden werden. Wenn wir im Westen von etwas hören, was in China passiert ist, ist die Quelle meist eine chinesische, sei es die lokale Presse, sei es das Internet. Der Versuch, das Internet zu kontrollieren, ist lächerlich. Heute nutzen 300 bis 400 Millionen Chinesen dieses Medium, und es gibt gute chinesische Plattformen und allerhand Möglichkeiten die Zensur von Google&Cie zu umgehen, die ja sogar teilweise eine wirtschaftlich bedingte Selbstzensur ist oder, wie bei Google, ein Rückzug angesichts der erfolgreicheren chinesischen Konkurrenz. Und so kommen die, die es wollen, an die Informationen, werden die Informationen verbreitet. Oder wie Deng Xiaoping, der Vater des heutigen China, es treffend sagte: „Wenn Du das Fenster aufmachst, kommen auch Fliegen herein“.

Freiheit und Verantwortung
Zu bedenken ist auch, dass es in China kein Bürgertum im westlichen Sinne gibt. Aehnlich wie in Russland, fand nie eine bürgerliche Revolution statt, in der eine neue Schicht sich nicht nur Freiheit sondern auch Verantwortung erkämpfte. Freiheit und Verantwortung sind die siamesischen Zwillinge der freiheitlichen Gesellschaft. Freiheit ohne Verantwortung geht ebenso wenig wie Verantwortung ohne Freiheit. Und eine Schicht von Menschen, die bereit sind, nicht nur Freiheit – die sie im privaten Leben ja eben weitgehend erhalten – sondern auch die Verantwortung für die Gesellschaft einzufordern, diese Schicht gibt es zur Zeit nicht. So wird es noch einige Zeit dauern, bis den Herrschenden die Verantwortung für vor allem die wirtschaftliche Entwicklung, die ihnen ganz gern delegiert wird, abgenommen wird. Der Prozess der Demokratisierung Chinas wird viel Zeit brauchen. Ansätze sind da.

Ein grosses Land
Und schliesslich ist, was die Berichterstattung über China betrifft, noch zu bedenken, dass China ein sehr grosses Land ist. China hat wohl mehr Bevölkerung als ganz Nord- und Südamerika zusammen. Und das nicht in über 20 Ländern sondern in einem. Wenn alle Medienmeldungen aus dem Amerikanischen Doppelkontinent immer auf ein Land bezogen würden – und in der Regel sind das ja nicht Meldungen über schönes Wetter und liebe Leute, sondern Katastrophen und Missetaten – hätten wir auch den Eindruck, dass da allerhand im Argen liege. In China ist es halt immer China. – jb.

Die Repression ist für den Normalbürger nicht spürbar. Im Alltag kann jeder tun und lassen, was er will. Die meisten Menschen sehen deshalb auch keinen Grund, sich irgendwie politisch zu engagieren. Proteste aber werden laut – es gibt im Land jedes Jahr mehrere hundert Demonstrationen – gegen korrupte Beamte, gegen Ungerechtigkeiten bei Landverkäufen und sogar Landenteignungen, gegen den zunehmenden Graben zwischen Arm und Reich.

Es erstaunt immer wieder, mit welcher Härte die Herrschenden gegen jene vorgehen, die nichts anderes tun, als im Internet auf solche Zustände hinzuweisen und Presse- und Meinungsfreiheit zu fordern. Diese Dissidenten haben oft Blogs, die zwar von Tausenden mit Interesse gelesen werden, die aber keinerlei Folgen haben. Und Leute wie der Friedensnobelpreisträger Liu Zhaobo oder der Künstler Ai Weiwei sind in China ziemlich unbekannt – auch wenn sie wegen ihrer freien Rede im Westen oft zitiert werden.

Was die Mächtigen in China wirklich zu befürchten haben, ist ein Einbruch der Wirtschaft. Sobald nicht mehr alle satt werden, erwacht der Widerstand. Das wissen die Herrschenden, und sie tun alles für Brot und Spiele. Dabei erkennen sie nicht, dass demokratische Freiheiten die Wirtschaft nicht behindern, sondern deren Entwicklung fördern, dass gesellschaftliche Harmonie nicht durch schöne Worte entsteht, sondern Folge sozialen Ausgleichs ist, dass öffentlich Auseinandersetzungen und Pressefreiheit nicht zu mehr Unzufriedenheit führen, sondern ein Ventil, um der Unzufriedenheit auf friedlichem Wege Ausdruck zu geben.

Es sind allerdings nicht nur die Herrschenden, sondern es ist teilweise auch das Volk, das nach den Erfahrungen von Bürgerkriegen, Revolutionen und Fraktionskämpfen Angst vor Chaos und Disharmonie hat.  – eb.

(Ende des Exkurses)

Peking neu und alt
Peking nimmt uns sofort wieder gefangen. Wir sind ja in einem Nobelschuppen abgestiegen, einer der besten Adressen Asiens, im Peninsula. Das Angebot im Internet war überzeugend, und weil wir über 10 Tage bleiben, haben sie uns zweimal hochgestuft und wir sind jetzt in einem Super Deluxe Room im 11. Stock, sehr schön, angenehm, komfortabel. Mit einem wunderschönen Schwimmbad. Waschen lassen werden wir allerdings auch hier nicht, denn neu kaufen ist erneut billiger. Und das tun wir teilweise (s.u.).

Am ersten Abend, nach einem sehr feinen Abendessen, zu dem wir in einem Shanghaier Restaurant von Maomi und Bangying, unseren chinesischen Familienmitgliedern, eingeladen sind, machen wir einen Bummel in die Stadt. Das Peninsula liegt ganz im Zentrum, nicht weit vom Kaiserpalast und noch näher an der Haupteinkaufsstrasse Wangfujing. Und hier sehen wir beides, neu und alt. Die Wangfujing ist nicht wieder zu erkennen. Verschwunden sind die kleinen Läden mit Spezialangeboten, abgerissen. An ihre Stelle sind glitzernde Riesenpaläste getreten, in denen die gleichen Läden zu finden sind wie in Paris, London, Rom, Zürich, Frankfurt, Tokyo (das wissen wir jetzt auch!). Die Strasse ist voll, denn es ist noch die Golden Week, die Woche der allgemeinen Ferien aus Anlass des Nationalfeiertags am ersten Oktober, und in der Golden Week wird gereist, gespeist, gekauft.

Dann biegen wir etwas weiter nördlich nach dem Volkstheater, in dem wir vor vierzig Jahren die revolutionären Peking-Opern von Jiang Qing, der berüchtigten Gemahlin Maos „delektiert“ haben, in eine kleine Strasse – und sind inmitten des alten Peking! Bäume, kleine Läden, Restaurants mit Lammfleischspiessen (fu), Leuten an Tischen auf der Strasse, Radfahrer. Wir schlendern an ihnen vorbei, auch an den öffentlichen Toiletten für die Häuser ohne diese Einrichtungen, die allerdings jetzt technisch aufgemotzt sind.

Es gibt diese Inseln des alten Peking immer noch, und einige werden überleben. Wieviele und in welcher Form ist allerdings offen. Eventuell als Freilichtmuseen oder als Schickimicki-Wohngegenden mit High Tech oder als Rahmen für Tourismusgeschäfte. Oder halt so, wie sie sind. In diesen Gebieten gibt es Hinterhofbars, gute Restaurants in alter oder neuer Form.  Für Kenner, denn sie sind abseits des Touristenstroms. Unser Freund Ueli, der mit seiner Firma „Beijing4Friends“ ein alternatives Programm für Peking anbietet (langsamer Tourismus, schlendern und schlemmen, abseits des grossen Stroms die Stadt geniessen), zeigt uns einiges davon.


Dieses Zusammenspiel von alt und neu macht Peking so interessant. Wir sollten nicht in Nostalgie verfallen, die von den Bedürfnissen der Menschen hier abstrahiert. China will sich entwickeln, chaotisch zwar oft, aber immerhin. Und Peking entwickelt sich ohne Zweifel. Und neben all dem Glimmer der vielen 5-Stern-Hotels und Einkaufspaläste werden auch die Wohnungen grösser und besser, wird am Ausbau der U-Bahn gebaut, entstehen schöne Museen und Parks.


Auch unsere alten Freunde treffen wir. Die Kolleginnen und Kollegen von der Peking Rundschau laden uns ein in ein Restaurant, das 1980 als erste private Gaststätte in Peking begann. Wir essen in den originalen Räumen, und wir essen gut. Ueberhaupt wird der Aufenthalt hier von Essen geprägt sein, denn bis wir alle Freunde gesehen haben, sind die 10 Tage fast um. Auch mein Nachfolger Uwe Kräuter ist dabei, der in Peking geblieben und mit einer bekannten Filmschauspielerin verheiratet ist. Er dreht Dokumentarfilme und ist Kulturvermittler zwischen Ost und West.


Auch hier mit dem Velo
Wir sind in Peking immer viel Velo gefahren. Und wollten das auch jetzt tun. Als wir an der Reception fragen, wo wir Velos mieten könnten, meinten sie, das Hotel hätte eigene, und die sind erst noch gratis! Peking ist eine sehr grosse Stadt, in der du lange Wege gehst, wenn du nicht immer das Taxi nimmst. Ausserdem gibt es hier keine Berge oder auch nur Hügel. Da ist das Velo praktisch. Die Stadt hat viele Velowege entlang der grossen Strassen ausgeschieden, breit und praktisch. Allerdings kommen dir auch hier Velos entgegen, und eher eine Plage sind die vielen Elektrobikes und Elektroroller, die auch hier verkehren. Du hörst sie nicht, ausser sie kommen von hinten und hupen plötzlich. Aber das Velofahren macht Spass.

Wir fahren zur „Seidenstrasse“, dem grossen Warenhaus mit billigen Kleidern und Schuhen, wo wir uns eindecken mit Ersatz für Ausgetragenes und Kaputtgegangenes: T-shirts, Hosen, Schuhe, Hemden, Blusen… und auch eine Reisetasche. Nachdem wir die Hosen noch auf die richtige Länge haben kürzen lassen, kommt alles in die Tasche, diese als Rucksack auf meinen Buckel und dann zurück ins Hotel.






Aus 330  Metern auf die Baustelle eines noch höheren Hauses


Wir fahren auch zum zur Zeit mit 330 Metern höchsten Haus in Peking, dem Peking World Trade Centre. Im 80. Stock trinken wir einen – etwas teuren – Kaffee und rufen alle Freunde an, um die verschiedenen Treffen abzumachen, in der Peking Universität, bei ihnen zu Hause, in der Stadt. So wird mit durch den Smog etwas getrübter Aussicht auf die Stadt im Wandel die Woche gefüllt und verplant. Aber da wir uns genug Zeit genommen haben, gibt es genug Löcher für Veloausflüge.


Golden Week
Wir machen einen Abendspaziergang, der sich zu einer richtigen Abendwanderung auswächst. Zuerst geht es an den Imbissständen vorbei, die zwischen Wangfujing, der Haupteinkaufsstrasse, und Kaiserpalast Osttor aufgebaut sind. Was es da nicht alles gibt: Lammspiesse (wir essen zwei), gebratene Jiaozi (die Pekinger Urform der Ravioli, die Marco Polo nach Italien gebracht haben soll, wir essen ein Portion), dann an Spiessen alles was da kreucht und fleucht: Tintenfisch, Vögelchen, Innereien, Süssigkeiten, Fische, Krebse und und und.

Es sind unwahrscheinlich viele Menschen unterwegs, und dem meisten sieht man an, dass sie aus der Provinz oder vom Land kommen. Sie benutzen die Golden Week für eine Reise nach Peking, und dazu gehört der Abendbummel ins Zentrum, an die Wangfujing und zum Tiananmen, dem Tor des Himmlischen Friedens. Und dann gehen wir in Richtung Osttor und kommen an den Wassergraben rund um den Kaiserpalast – und da herrscht tiefste Ruhe! Wenige Pekinger beim Abendspaziergang, einige Fischer mit mehreren Ruten, Liebespaare. Die beleuchteten Ecktürme und Tore des Palasts spiegeln sich im Wasser, auch die Weiden und der halb volle Mond. Ein Idyll.




Zum Tiananmen können wir nicht direkt, das ist abgesperrt, und wir machen einen grossen Umweg bis zum Westtor und dann erst runter zum grossen Changan-Boulevard. Und da sind wir dann wieder in der Golden Week, und wie! Unmengen von Touristen schlendern – laut, wie es sich in China gehört – am Tor des Himmlischen Friedens vorbei, von dem aus Mao 1949 der Welt bekannt gab, das China aufgestanden sei.

Festung Tiananmen
Aber das Schlendern hat Hindernisse, polizeiliche und militärische. Der Platz ist eine Festung. Schon in den idyllischen Ecken des Palastgrabens haben wir uns gefragt, was die Soldaten da machen, die überall rumstanden. Und was die Polizeifahrzeuge, die zwar nicht mit Sirenen aber immer mit Blinklicht patrouillierten. Hier vorne wurde es uns klar. Ueberall Schranken, zwischen denen wir durchgehen, immer Soldaten, demonstrativ, auch Polizei in Kampfstiefeln, immer zu mehreren. Wir wechseln auf die andere Seite vor dem Volkskongress, unter der Strasse durch, auch dort Militärposten. Wir wollen ja auf den Platz des Himmlischen Friedens (!), auf dem das Revolutionsdenkmal steht und auch Maos Mausoleum. Aber das geht nicht im Direktgang, wir müssten nochmals unten durch, denn der gerade Weg ist hier mit Gittern vermacht. Wir lassen es bleiben und kehren – unten durch – auf die andere Seite zurück, wo wir durch Menschenmassen, Absperrschleusen, Militärposten und Polizeifahrzeuge am Tiananmen vorbei“spazieren“.

Angst vor dem Volk
Die Angst vor dem Volk und seiner Spontaneität sitzt den Herrschenden offensichtlich tief in den Knochen. Der Platz vor dem Tor ist seit hundert Jahren ein Symbol. Hier protestierten die Studenten 1919 gegen den Versailler Vertrag, der China schmählich behandelte. Hier riefen die Kommunisten die Volksrepublik aus. Hier fanden und finden die grossen Paraden statt, auch die der Kulturrevolution. Hier protestierten die Studenten 1989 und hier wurden sie niedergemacht. Und hier versammelten sich, wie aus dem Nichts, vor einigen Jahren viele Tausend Anhänger der Sekte Falongong zum Gebet.

Maos Spruch vom Funken, dem revolutionären, der einen Steppenbrand entfachen kann, haben die Chefs vor Augen, wenn sie Kleinräumigkeit im Grossen, Abgrenzugen und Einzäunungen schaffen. Dem flanierenden Volk scheint das nicht viel auszumachen, es bewundert Chinas Grösse, die sich an diesem Ort eindrücklich manifestiert, auch wenn die Lichtergirlanden an Bäumen und Gebäuden eher an Weihnachten oder Disneyland erinnern. Uns hat es gestunken, wir werden nächste Woche nochmals hingehen. Vielleicht ist es dann besser, wenn das Volk wieder zuhause ist und arbeitet.

Kulinarisches Peking

Wir geniessen die vielfältige chinesische Küche Pekings. Wir kaufen Fleischspiesse auf der Strasse, ebenso wie das feine nordchinesische Yoghurt, „Suanniunai“ genannt, suan für sauer und niunai für Milch. Dann gehen wir in ein einfaches Nudellokal und essen eine Portion Jiaozi, die Ravioli eben, gewürzt mit schwarzem Essig.

Am Abend ging es dann vornehm in eines der besten Lokale für Peking-Ente. Eine muss für uns dran glauben. Sie ist nicht sehr teuer, aber Jiaozi könnten wir im Lokal vom Mittag (inclusive einer Portion Tee und ein Bier) fast zwanzig Mal essen. Die Speisekarte im Entenrestaurant war ein Tablet-Computer, auf dem wir die verschiedenen Bereiche des Menues antippen konnten, dann kamen Bilder, dann konnten wir mit Antippen ein Häkchen setzen, dann zu den Getränken gehen usw. Bier allerdings gab es in der englischen Version nicht, auf dem Tisch aber dann doch!

Morgen gibt es in einem Lokal für Einheimische „Hougou“, mongolischen Feuertopf, wie wir ihn auch zuhause manchmal für unsere Gäste machen, aber hier wird er originaler und damit besser sein, aber auch im Kupfer- oder Gusseisentopf mit Holzkohle in der Mitte und der Suppe rund herum

Modern Times
Heute waren wir also mit Freund Wang  Feuertopf essen. Aber es war nicht genau das, was wir uns in unserer Nostalgie vorgestellt hatten. Ich fragte einen Concierge nach einem Restaurant dafür in der Nähe des Hotels, und zwar eines, in das die Chinesen gehen, in das er gehe, nicht eines für Ausländer. Er riet uns eines an der Hauptkreuzung der Wangfujing, im 8. Stock eines dieser glitzernden Einkaufspaläste mit den Markenläden, auch in Barcelona, Seoul, Toronto oder Genf findest, um einmal andere Städte zu nennen.

Und wir waren denn auch etwas geschockt, als wir reinkamen: Durchgestylt, hochmodern, hightech mit Induktionsherden in der Mitte der Tische, kurz: Glitzer, Glanz & Glamour. Der Laden läuft sieben Tage die Woche rund um die Uhr, 24 Stunden. Aber es stimmte alles.

Es waren fast nur Chinesen da, junge und mittelaltrige vor allem. Und das Essen war hervorragend, die Stimmung im Lokal merklich gut, der Service schnell und perfekt, wie ihn die Chinesen lieben. Und der Preis stimmte erst noch, und wie. Für drei Portionen Fleisch, drei Gemüse, Tee à discrétion und ein Bier bezahlten wir 230 Yuan oder umgerechnet 34 Franken. Da meinte dann sogar Lao Wang, dass dies auch für normale Chinesen erschwinglich sei und nicht, wie er bei der Ambiente angenommen hatte, ein Lokal mit Spitzenpreisen.

Das moderne China ist eben nicht so, wie wir es uns wünschen, sondern so, wie es sich die Chinesen wünschen. Und da gibt es zwar auch noch den alten Feuertopf, aber auch den neuen!

Hutong
Auf der Suche nach einem Coiffeur für uns beide sind wir durch den Hutong, das ist die Bezeichnung für die kleinen Strassen mit den einstöckigen Wohnbereichen hinter schmalen Türen, wo ein Gutteil des Lebens im Sommer auf der Strasse stattfindet, heute sind wir also durch diesen Hutong gestreift. Und es ist unwahrscheinlich, was so nah an der Glitzerwelt der Einkaufspaläste dort noch an traditionellem Leben abläuft. (Ich lasse hier im Blog Bilder sprechen:)


















Auf weiteren Fahrten sind wir dann auch durch ganz schmale Gassen gekommen, die entstanden sind, als zwischen zwei Häuserblockreihen links und rechts wild weitere einstöckige Wohnungen aus Backsteinen aufgebaut wurden. Die Strassen sind so eng, dass die Wäsche an Leinen oder Stangen dazwischen aufgehängt werden kann, sie wird auf Kleiderbügeln mit Stäben hochgehievt, ähnlich wie in den Kleidermärkten in ganz Asien.

Die Autos, die Bewohner dieser Gassen unterdessen auch besitzen, stehen ausserhalb der Quartiere in grösseren Haufen.

In den Hutongs und in Seitenstrassen von Vorstädten sehen wir viele andere Szenen, die ich Euch auch nicht vorenthalten will.





Kunstszene

Dass die chinesische Kunstszene sehr lebendig ist, wissen wir nicht erst seit der Ausstellung Mahjongg, in der der ehemalige Botschafter Uli Sigg seine immense Sammlung in Bern präsentierte. Auch der Skandal um Ai Weiwei hat dies in Erinnerung gerufen. Wir haben schon vor Jahren das Künstlerviertel 798 besucht, als es noch nicht so modern und kommerziell war. Jetzt sind wir mit Ueli Merz in das Quartier Caochangdi gefahren, in dem eben Ai Weiwei lebt und in dem auch Schweizer Galerien wie Urs Meile und Shangart ihre Niederlassungen haben. Was wir gesehen haben, war teilweise eindrücklich, aber für moderne Kunst fehlt uns der Massstab, um ein fundiertes Urteil abgeben zu können.

Was uns aber sehr beeindruckte waren die Fotografien in Three Shadows Photography Art Centre, wo unter dem Titel „Coal and Ice“  Bilder aus Kohlenminen, klassische und neue aus China, Lichtbildschauen, die Details von Bildern deutlich machten. Grossformatige alte und neue Himalaya-Bilder, die die Veränderung der Gletscher dokumentieren. Und alles stellt den Zusammenhang der Kohle mit der Veränderung des menschlichen und des geophysikalischen Klimas dar. Eine eindrückliche Präsentation.

Kaiserpalast und Alte Kunst

In den Kaiserpalast wollten wir unbedingt. Es war schön, wenn auch zu Beginn die sehr vielen Menschen uns etwas störten. Aber es waren meist Gruppen, und diese nehmen die Hauptroute von Süden nach Norden, dann sind sie raus. In den etwas abseits gelegenen Höfen war es fast ruhig. Und dann war da noch eine Ausstellung oben auf dem Mittagstor (Wumen), auf das wir noch nie gekommen waren. Das gab ganz neue Ausblicke. Und die Ausstellung mit kalligraphischen und malerischen Werken aus fast 2000 Jahren war umwerfend. Sie war nicht gross, aber die Kunstwerke waren aus internationalen Sammlungen zusammengetragen. Ich habe selten so schöne Bilder aus der Südlichen Song-Dynastie (vor rund 800 Jahren gesehen), fein der Strich, mehr Andeutung des Umrisses als Ausfüllung des Objekts – Song eben.

Smog
Wir haben gutes Wetter, die Sonne scheint – wenn wir sie sehen. Der Smog ist die meisten Tage sehr stark, die Sonne oft nur stecknadelgross am Himmel, ausser am Abend. Da gibt es gloriose Sonnenuntergänge. Am Smog arbeiten nicht nur die vielen Autos, auch die immer noch funktionierenden Strassenküchen mit ihren runden Briketts aus nassgepresstem Kohlestaub, mit Löchern in der Mitte, die übereinandergeschichtet verbrannt werden, wobei zwar die Löcher wie Kamine wirken, aber die Verbrennung trotzdem miserabel bleibt und die Abgase entsprechend gross.


Hier wird Smog produziert









Nostalgie und Noten
Heute haben wir die Peking-Universität besucht, wo ich von 1972 bis 1974 Deutsch unterrichtet habe. Von aussen ist sie kaum wiederzuerkennen. Mit der U-Bahn sind wir vom Zentrum aus in ca. dreiviertel Stunden bis ans Osttor gefahren. Ich bin seinerzeit mit meinem Rad am Südtor hineingefahren und durch den Campus zum Minzulou, dem Demokratiegebäude, in dem die Abteilung für westeuropäische Sprachen untergebracht war. Das Gebäude dient jetzt Verwaltungszwecken.

Der schöne „See ohne Namen“ ist noch wie er war, wenn auch die Bäume rundherum 40 Jahre älter sind. Meine alten Kollegen von damals sind alle pensioniert, die Studenten sowieso längst ausgeflogen. Aber wir freuen uns, Ma Wentao und seine Frau Tao Peiyuan zu treffen, beide gut Deutsch sprechend. Sie laden uns zum Mittagessen in das Hotel-Restaurant der Peking-Universität ein. Daneben sind Tennisplätze entstanden.


Ma übersetzt gerade ein Buch, das sich mit der Beziehung zwischen Goethe und Schiller auseinandersetzt. Keine leichte Aufgabe, denn er muss Zitate aus Gedichten, Briefen usw. der Dichter und deren Zeitgenossen übersetzten. Etwas konsterniert zeigt er uns Zitate, die – es ist kaum zu glauben – von Goethe stammen. Ich muss sie selbst zwei bis dreimal lesen, um sie zu verstehen und dann festzustellen: Das ist pornographisch! Ja, ja, unser Goethe!

Am Nachmittag besuchen wir Yan Baoyu. Er war Deutschprofessor, hat in der ehemaligen DDR studiert und später in beiden Teilen Deutschlands Lehraufträge wahrgenommen und Ehrungen entgegen genommen. Vor allem aber ist Yan ein grosser Liebhaber und Experte für klassische Musik. Schon als wir das Haus betreten, hören wir Klänge aus Beethovens Fünfter. Sein Zimmer ist voll mit CDs aller grossen Werke und mit Büchern über Musik und Komponisten. Der 88-Jährige hört nicht mehr so gut, aber er ist munter wie eh und je, erzählt von seinen Lehrern und Schülern, von seinen Aufenthalten in Deutschland, von seinen Freunden und seiner Liebe zur Musik. Bis vor fünf Jahren hat er noch sehr gut besuchte Vorlesungen über klassische Musik gehalten.

Nach zwei interessanten Stunden verabschieden wir uns der Hoffnung, einander in alter Frische wiederzusehen. Wir werden über e-mail miteinander in Verbindung bleiben. (eb)

Niedergang der Teekultur
Für eine Teeliebhaberin wie mich wird Asien immer mehr zur Enttäuschung. Es begann schon in Südkorea. Wo immer ich nach Tee fragte, bot man mir Kaffee an. Zum Frühstück bekam ich zwar hin und wieder Tee, aber erst am Schluss, denn zum Frühstück trinkt man in Korea Suppe. Japan ist zwar das Land der Teezeremonie – aber eben mehr Zeremonie als Tee. Auch hier bekam ich in vielen Cafés nur mit Schwierigkeiten einen Tee.

Und in China, wo man früher ausser Schnaps nichts anderes als grünen Tee zu trinken bekam, bringt man mir eine Flasche kalter Limonade (Eistee aus grünem Tee), wenn ich „lü cha“ bestelle. Manchmal hilft es, auf den Kessel mit heissem Wasser zu deuten. Gestern Abend zum Beispiel stellte man mir einen kleinen Kessel auf den Tisch. Ich liess den „Tee“ lange ziehen, aber er blieb immer nur heisses Wasser. Als ich nach Teekraut fragte, hiess es „meiyou“ – haben wir nicht.

Noch ein Tipp vor der Erkältungssaison: Gegen Husten soll Chrysanthementee das nonplusultra sein, gegen Erkältung Ingwertee. (eb)

12.10. ejb