Dienstag, 22. Mai 2012

3 - 13 Pilbara - die finanzielle Kraftwerkzentrale Australiens

Das Powerhouse Australiens / Ins Innere / Camping am ausgetrockneten Bachbett / Durch die Berge ins Bergbaugebiet / Bergbaumania / Viel flüssiges Geld / Berge versetzen / Eigene Eisenbahn / Die Minenstadt / Wir sehen rot / Schluchten im Outback / Torten und Sandwichs / Mit Pauken und Trompeten / Zurück an die Küste / Exkurs: Etwas Politisch Oekonomie oder Ueberlegungen zur Theorie von Karl Marx / Boomtown Karratha / Bonanza hoch zwei / Alle holen ab / 30'000 Jahre / Pneu / Geisterstadt / Australischer Charakter

Das Powerhouse Australiens


Verladestation in Point Samson

Nach Exmouth biegt die Küste in Richtung Nordwesten ab. Hinter der Küste liegt die Region Pilbara mit den grossen Bergwerken. In den Küstenstädten wird das Erz, das auf eigens gebauten Bahnlinien transportiert wird, auf Schiffe verladen und kommt dann meist nach Uebersee, oft nach China. Aber es wird auch nach Malaysia verschifft, wo es in australischen(!) Werken weiterverarbeitet wird: Lohn und Steuern tiefer, Subventionen höher. Oestlich Richtung Darwin schliesst sich die Kimberly-Region an, aber davon später.

Die Region boomt wie wild. Selbstbewusst nennt sie sich das „Financial Powerhouse“, die finanzielle Kraftwerkzentrale, Australiens. Erz ist weltweit gefragt, die Lager sind gross, es wird Geld gemacht und ausgegeben wie wild. Vermögen werden gemacht, Vermögen versickern.  „Jetzt geht es uns gut, jetzt geniessen wir es“, ist das Motto. Was war ist unwichtig (auch wenn 20-jährige Gebäude als „Historic“ bezeichnet werden), was kommt, ist ungewiss (viel ist buchstäblich auf Sand gebaut), was ist, allein das ist wichtig. Und den Leuten hier, den meisten, geht es gut, vor allem aber den Spekulanten, dem internationalen Kapital, den Geschäftsleuten.
Ins Innere
Wir fahren also (etwas) ins Landesinnere. Zuerst müssen wir jedoch gut 80 Kilometer zurück nach Süden, da der Exmouth Gulf den Weg versperrt. Dann geht es Richtung Osten. Alles ist flach, trocken, eintönig. Einige Schafe und Kühe, die der Strasse entlang weiden, sorgen für Abwechslung. Die Erde wird zunehmend rot, Eisen in der Erde. Manchmal leuchtet es fuchsrot, manchmal mehr ins Violett wechselnd. Wo vor einiger Zeit ein Feuer gewütet hat, ist die Erde offen, sonst von kurzem Gras überwachsen.
Und dann kommen Erdwellen, längs oder quer zur Strasse. Es sind Erhebungen von einigen Dutzend Metern Höhe, steinig, nahe beieinander liegend, wie Wellen im Gelände. Oft sind sie kahl, oft von Gras überwachsen, dass es aus der Ferne aussieht wie eine Erika-Bepflanzung, und oft sind sie sehr steinig. Dazwischen gibt es Hügel und Berge, manchmal gerundet, manchmal mit Deckeln von nicht verwitterten harten Gesteinsschichten. Alles ist grosszügig, weit, eindrücklich, so wie wir uns Australien aus den Bildern eigentlich vorgestellt hatten.
Camping am ausgetrockneten Bachbett
Die Flussläufe sind meist ausgetrocknet, lassen aber erahnen, was da bei starken Regenfällen abgeht. Nur einige haben noch Wasserreste. Wir übernachten an einem Bachbett, das sich rund einen Meter tief eingeschnitten hat, und an dem viele Bäume auf das unterliegende Grundwasser schliessen lassen.

Wir campieren an einem ausgetrockneten Bachbett. Der Staub ist fein wie Puder, rot. Endlich können wir wieder mal ein Feuer machen, das erste Mal seit dem Murray in Südaustralien. Wir geniessen es. Das Holz brennt gut, die Sterne schimmern durch die Bäume, ein Kauz ruft, eine einsame Kuh muht, eine Fledermaus flattert vorbei – die Königscrevetten, die Melone, der Käse und der Wein schmecken. Friedlich.




Durch die Berge ins Bergbaugebiet

Die Fahrt wird immer abwechslungsreicher. Wir kommen in Hügelzüge, nicht hoch, aber richtig bergig. Es sind, das sehen wir gut, alte, sehr alte Verwitterungsschichten, die unterschiedlich erodieren. Mal sieht es aus wie Schiefer, dann scheinen Riesen Murmel gespielt zu haben und dann wiederum sind sanft gewellte Hügel mit spärlichem Gras überwachsen, das goldgelb aus grünen Stöcken rausragt und im sanften Wind weht. Es ist warm bis heiss. Greifvögel segeln durch die Luft, einer so nah vor uns tief über die Strasse, dass ihn Elo beinahe überfähr
Wir fahren zwischen den Hügeln durch in Richtung Tom Price, einer Bergbaustadt, die in den 60er-Jahren gegründet wurde, als beschlossen wurde, die Erzlager zu nutzen. Wenn dann alles abgebaut ist, wird die Stadt wieder eingehen. Elo meint, darin hätten die Australier ja Erfahrung. Die Goldstädte des 19. Jahrhunderts im Osten waren gross, hatten alle damals bekannte Infrastruktur. Und heute sind es bestenfalls noch Touristenattraktionen. Das Gold wird jetzt hier im Westen abgebaut.
Bergbaumania
Bereits vor Tom Price sehen wir in Paraburoo die erste grosse Mine. Da wird ein Berg einfach von oben nach unten abgetragen. Es sieht aus wie in einem gigantischen Sandkasten: die Bergflanken sind von Abbauterrassen gezackt wie der Stufengiebel des Bezirksgebäudes in Münchwilen (oder des Römer in Frankfurt). Die Stadt hat 2000 Einwohner. Tagsüber sehen wir keine, da alle in der Mine sind.



Auf dem Zeltplatz in Exmouth haben wir einen Minenarbeiter kennengelernt. Er wohnt in Geraldton an der Westküste, arbeitet in Newman, 200 Kilometer südöstlich von hier, also etwa 800 Kilometer von Geraldton. Er arbeitet jeweils 2 Wochen am Strich, 12 Stunden pro Tag. Dann hat er eine Woche frei, geht nach Hause, zur Familie. Aber nicht mit dem Auto: Er wird nach Perth geflogen, übernachtet einmal im Hotel, dann fliegt er nach Geraldton. All das ist gratis, ebenso wie die Unterkunft in der Mine (1-Zimmer-Wohnung) und die Verpflegung (ausser Alkohol). Die Kantine koche nach Wusch.
Viel flüssiges Geld
Und die Löhne sind hoch. Das Internet sagt, die Durchschnittslöhne lägen bei rund 150’000$ pro Jahr, auch für unqualifizierte Arbeitskräfte. Das ist wirklich das Dreifache des Lohns in der Landwirtschaft, der die Leute en Masse abgeworben werden, auch wenn sie nicht viel taugen. Unser Bekannter, der eine untere Kaderstellung hat, meint, auf einem normalen Arbeitsmarkt würde er die meisten Leute schon von der Papierform her nicht einstellen, geschweige denn von der Arbeitseinstellung. Aber es hat zu wenige. Uebrigens arbeiten auch viele Frauen da, vor allem als Fahrerinnen für die Riesenfahrzeuge sind sie gefragt: Sie tragen mehr Sorge zum Gerat und gehen weniger Risiken ein. (Ueber ihre allgemeine Qualität als Arbeitskräfte hat sich der Bekannte nicht ausgelassen!)
Die hohen Löhne sind der Grund für die hohen Preise hier: Die Leute können alles bezahlen und wissen oft nicht, was die Sachen eigentlich wert sind (wären). Und da kommt wohl auch das Geld her für die vielen grossen Autos, die wir sehen. Jeder zweite fährt einen schweren Geländewagen, meist recht neu. Unser Eindruck ist, dass das Geld ohne grosse Umwege über ein Sparkonto in den Konsum geht. Reservehaltung ist wenig gefragt.
 Berge versetzen


In Pilbara versetzt nicht der Glaube die Berge, sondern allenfalls der Glaube an das Geld. Wir machen eine Führung in eine der Minen, und auf dem Aussichtspunkt sagt der Führer, hier seien ursprünglich 150 Meter Berg über uns gewesen. Das Loch vor uns ist knapp 300 Meter Tief, was eine Höhendifferenz von der noch stehenden Bergkuppe zum Minenboden von 440 Metern macht (oder etwa von unserer Haustüre in Sirnach zum höchsten Punkt des Kantons). Auf der Länge von ein bis zwei Kilometern ist der Berg weg, und es wird weiter gegraben.

Die von uns besichtigte Mine ist eine von über einem Dutzend auf hundert bis 200 Quadratkilometern. Und Tom Price ist nur eine von verschiedenen Minenstädten, und bei weitem nicht die Grösste. Die Mine gehört dem Konzern Rio Tinto, London basiert und mit der Königin als grösster Privataktionärin, aber der grösste Aktionär ist ein chinesisches Konglomerat. Sie sichern sich die Rohstoffe und schonen ihre eigenen.

Eigene Eisenbahn

Eine Mine umfasst den Abbau, die Zerkleinerung des Gesteins je nach Gehalt an Eisen, den Verlad auf die Bahn. Die Gesellschaft besitzt eine Eisenbahn ans Meer nach Dampier  von einigen hundert Kilometern. Dort wird das Erz verschifft nach eben China, aber auch in den Mittleren Osten und nach Südostasien. In Malaysia bauen australische Konzerne Anlagen zur weiteren Verarbeitung: billigere Löhne, Subventionen – und wenn sie genutzt und nicht mehr gebraucht werden, liegen sie halt still….

Die Maschinen sind riesig. Die Räder zwei Stockwerke hoch, die Mulden der Transporter fassen viele Tonnen. Die Züge haben 200 und mehr Wagen, sie werden laufend unter den Förderanlagen beladen (Schrittempo, aber immerhin) und dann in Dampier in wenigen Minuten entladen durch seitliches Kippen der Waggons. Ein Zug transportiert 30'000 Tonnen Gestein, es fahren viele Züge pro Tag.



Die Minenstadt

In Tom Price leben 5000 Menschen. Feste Wohnung haben die Chefs, die Arbeiter und Arbeiterinnen leben nach dem Prinzip „Fly in fly out“, werden also regelmässig ein- und ausgeflogen. Sie haben hier einen anderen Rhythmus als der oben geschilderte: Sie arbeiten 3 Tage à 12 Stunden Tagschicht, haben einen Tag frei, dann drei Nachtschichten und dann 6 Tage frei usw. usf.

Die Stadt hat eine sehr gute Infrastruktur: Schulen bis zum Gymnasium, Clubs und vor allem Sportanlagen bis zum Motocross. Der Supermarkt, in dem wir einkaufen, ist der beste, den wir bisher in einer ländlichen Stadt gesehen haben. Aber ein Lehrer, den wir später trafen, sagte, nach drei Jahren Unterricht hier sei es ihm zuviel geworden: Kultur ist hier, eben abgesehen vom Sport und gelegentlichen Country-Konzerten, wenig.

Und dass die einfachen Arbeiter locker bis dreimal so viel verdienen, wie ein Lehrer, mag die Motivation auf die Dauer auch nicht gefördert haben: Einfache Arbeiter beginnen bei einem Jahressalär von 100'000 und haben einen Schnitt von 150'000, ein Lokführer kommt auch mal auf 250'000.

Wir sehen rot

Die ganze Mine, die ganze Gegend ist rot vom Eisenstaub, vom Eisenerz, vom Metall der Anlagen. In der Mine selbst hat sich der Staub auf allem abgesetzt, auch die Reifen und anderen Ersatzteile haben eine rote Patina. Die Fahrzeuge, die Förderbänder, die Gesteinsmühlen, die Reparaturwerkstätten, alles rot. Auf dem Campingplatz der Boden und bald auch der Boden unseres Campers: rot.



Aber es ist nicht das Rot von Lenin und Mao, es ist das rot des Kapitals, denn hier wird ausgebeutet, vor allem die Landschaft. Aber auch auf die Menschen wird wenig Rücksicht genommen. Wenn die Nachfrage nach Erz zurückgeht, wird stillgelegt, gekündigt. Um dann wieder aufzumachen, wenn es auf dem Weltmarkt anzieht.




  







Schluchten im Outback

Die Berge hier in der Gegend – auch auf der Weiterfahrt –, haben alle rote Gesteinsschichten, die auf Eisen schliessen lassen. Sie sind oft sehr gut zu erkennen, und auf der Weiterfahrt in den Karijini-Nationalpark, in dem wir einige Tage über meinen Geburtstag sein wollen, staunen wir immer wieder.

Der Karijini-Park ist für seine Schluchten berühmt. An der Dales Gorge liegt ein Campingplatz, der auch für uns erreichbar ist, denn auf ungeteerten Strassen fahren wir nicht grössere Strecken, wenn irgend möglich. Dazu ist Jeb nicht geeignet.





Hier bildet der Fluss in der Schlucht drei Pools, in denen wir baden können. Einer, (Fern Pool (Farn Weiher),  ist abseits gelegen und ruhig, einer unter einem Wasserfall (Fortescue Falls) und einer (Circular Pool) am Ende der Schlucht ganz im Schatten. Von den Fortescue Falls zum Circular Pool führt ein Weg durch die Schlucht: Und wie! Ueber Stock und Stein, Felsen und Steinabbrüche, Tümpel und den Fluss. Und am Schluss über einen – gepflegten – Ziegenweg in der Falllinie hoch zum Rand der Schlucht. Wir baden in allen drei Pools und sind am Abend ganz schön erschöpft.





Torten und Sandwichs

Auch diese Schlucht ist entstanden, als sich die Kontinentalplatte angehoben und der Fluss sich langsam eingefressen hat. Bei Regen hat er viel Wasser, davon zeugt das Schwemmholz. Es sind deutlich zwei Gesteinsarten zu unterscheiden: Unten ungefaltete, fein gegliederte Ablagerungen in verschiedenen Farbtönen, darüber grobes körniges Felsmaterial. Die Farbenspiele der dünnen Schichten sind faszinierend. Mal wie angeschnittene Tortenstücke, mal australische Sandwichs: oben und unten dünnes Schlabberbrot, dazwischen ein mächtiges Stück Fleisch.



Wir bleiben vier Nächte im Park, müssen dabei aber unser Wasser gut einteilen, denn hier gibt es keines, und abbauen und ein Stück fahren, um Wasser zu holen und dann alles wieder aufbauen, das stinkt uns. Wir haben 20 Liter Reserve gekauft, das wir aber bisher noch nicht gebraucht haben.


Mit Pauken und Trompeten

Heute habe ich Geburtstag.

Das 66. Altersjahr hat sich an seinem letzten Tag eindrücklich verabschiedet, mit Pauken und Trompeten sozusagen. Wie angeworfen hatte ich das, was mein Grossvater „Schiiser und chalt Ohre“ bezeichnete, meine Grossmutter etwas feiner als „Türlipfiife“, noch vornehmer Darmgrippe. Die Bezeichnung des Grossvaters war korrekt, denn gefroren habe ich auch noch. Ich war schwach wie ein altes Blatt Papier, das Trinken eines Bechers Tee war eine grosse Anstrengung. Ich habe fast nur gelegen.

Tagsüber habe ich zwei Bananen gegessen, am Abend ein Rührei. Und am Abend ein Aspirin genommen, zweimal leicht geschwitzt – und der Kopf war wieder frei und ich auf den Beinen. Ich habe in diesen 36 Stunden sicher 30 geschlafen!

Aber jetzt ist es vorbei, oder fast: Der Magen zwickt noch etwas, wenn er das ausgiebige Frühstück verdauen muss. Es rumpelt noch etwas in den Gedärmen. Und ich werde mich dann nach dem Schreiben wieder etwas hinlegen. Aber der Einstieg ins 67. ist gut, ich freue mich darauf. Und dann gehen wir schwimmen.

Zurück an die Küste

Vom Karijini Park fahren wir nach Norden, Richtung Port Hedland, dann machen wir einen Abstecher nach Westen, nach Dampier, den wir dann wieder zurück müssen. Nach wenigen Kilometern (ca. 100) kommen wir aus den Bergen an die grossen Flüsse, die nach Norden in den Ozean münden – alle leer, bis auf wenige Billabongs, wie die Tümpel in den teilweise ausgetrockneten Flüssen heissen.



 
Wir fahren auf dem Great Northern Highway, der bis Darwin geht. Auch hier ist alles Minengebiet. Wir sehen Arbeitsplätze, auf denen offensichtlich neue Bergwerke erschlossen werden. Es hat viel Verkehr. Vor allen grosse Lastwagen mit bis zu 4 Anhängern, aber auch viele 4x4-Geländewagen, die eine kleine Fahne oben haben und damit offensichtlich anzeigen, dass sie im Dienst sind.



Dann kommen auch Ueberbreiten entgegen, „Oversize“-Vehikel, die riesige Maschinen transportieren, auch ganze Häuser, und wenn es gut geht noch einen Minibus draufgeladen haben, das kommt ja nicht mehr drauf an. Wenn sie uns überholen, ist das nicht immer gemütlich.




Jetzt wird es flach, bis auf wenige Hügel, die von Steinwülsten aus dem Boden heraus gebildet werden. Die Schichten zersetzen sich oft einzeln, sodass auf einer glatten Oberfläche riesige Steinblöcke über- und aufeinander liegen. Entlang der Strasse sehen wir zum ersten Mal überfahrene Kühe, das aber dann gleich in grösserer Zahl. Bisher waren es Kängurus, Wallabies, Füchse usw. Die toten Tiere sind teilweise aufgedunsen oder auch schon fast zerfallen und gefressen. In der Luft sind viele Greifvögel, aber auch Raben, Elstern.

((Exkurs:
Etwas Politisch Oekonomie oder Ueberlegungen zur Theorie von Karl Marx

Wenn ich sehe, wie hier in Westaustralien das internationale Geld (Kapital) die Natur ausbeutet und auch auf die Menschen wenig Rücksicht nimmt, so kann ich es mir nicht verkneifen, an die oekonomische Theorie von Karl Marx zu denken. „Das Kapital“ und die „Grundbegriffe der politischen Oekonomie“ (zusammen mit Engels) beschreiben die aktuelle Entwicklung akkurat. Das Geld (Kapital) fliesst nach Marx dahin, wo die Profite etwas grösser sind, als im jeweiligen gesellschaftlichen Durchschnitt. Fällt der Profit unter den Durchschnitt, zieht das Kapital weiter, es ist volatil, beweglich. Verantwortung trägt es ja in diesem Land keine.

Zurück lässt es die unbeweglicheren Teil der Wirtschaft, die Umwelt, die Menschen, wobei letztere seit Generationen gewohnt sind, mit den Verdienstmöglichkeiten mitzuziehen. Das war schon in den verschiedenen Goldräuschen des 19. und 20. Jahrhunderts so. Städte entstanden, blühten für zwei bis drei Jahrzehnte, verfielen.

Minen, die heute grosses Geld abwerfen, wurden vor 40 Jahren gegründet, dann vor 20 Jahren für einen Dollar verkauft und sind jetzt wieder Milliarden wert. Das Geld kommt aus der ganzen Welt, und es geht in die ganze Welt. Die hohen Löhne hier sind lediglich regionale Gestehungskosten. Die Folgen dieser Ausbeutung vor allem der Natur trägt diese, trägt das Land.

Wir kennen ja Analoges, nur werden bei uns nicht die Bodenschätze sondern die Wirtschaftsschätze ausgeplündert. Was Generationen von verantwortungsbewussten Unternehmern und Arbeitern aufgebaut haben, wird im Quartalsrhythmus abgebaut. Ob es die Firma in fünf Jahren noch gibt, ist egal. Hauptsache, das Quartalsergebnis, die Managerlöhne und die Bankerprovisionen stimmen. Waren früher Renditen von 10% gut, müssen es heute 25% sein, sonst werden die Aktien verkloppt und das Geld (Kapital) zieht weiter, auch hier, geht sonst wohin, in die ganze Welt.

Wenn die Beute erlegt ist, werden neue Jagdgründe gesucht. „Raubtierkapitalismus“ nennt das Jean Ziegler, und einmal mehr hat Jean den Begriff gut geprägt. Wir können uns hier vorstellen, wie das z.B. in Afrika abläuft, wo statt eines in Australien immerhin vorhandenen gesetzlichen Rahmens die bare Korruption die Grundlage des wirtschaftlichen Spektakels ist.
Ende des Exkurses))

Boomtown Karratha

Ein Exempel des im Exkurs Gesagten ist Karratha, eine der Städte am Meer, die als wirtschaftliche Brennpunkte des Hinterlandes aktiv sind. Hier kommen die grossen Züge an, von hier aus werden regional die Minen in Tom Price und Paraburoo geführt (die Hauptquartiere, die Headquarters, sind anderswo: Perth für den Westen, Melbourne, London, irgendwo auf der Welt. Ein analoge Funktion für Newman hat die weiter östlich gelegene Stadt Port Hedland, die wir noch besuchen werden.

Karratha hatte in den 80er Jahren 5000 Einwohner, schon damals nicht wenig, als Folge des Booms in den 70ern. Aber es lief wenig, die Immobilienpreise waren am Boden, niemand wollte herkommen. Heute sind es 12'000, und 2040 sollen es 50’000 und mehr sein. 

Bonanza hoch zwei

Ein Immobilienpropekt in der Zeitung verspricht für die nächsten 10 Jahre in der Region 190 Milliarden A$ Investitionen der Minenkonzerne und 53'000 zusätzliche Arbeitsplätze. Die Baukosten sind 1,8 mal so hoch wie in Perth. Es fehlen aktuell in Karratha 1500 Häuser, bis 2015 sollen 4380 gebaut werden (Mehrfamilienhäuser kennt man hier nicht). Die Immoblienpreise stiegen in den letzten 10 Jahren in Perth im Schnitt um 10%, hier um 14%, die Kaspitalrendite in Immobilien war in Perth 2011 4,7%, hier 11%. Hotelpreise (gute, aber nicht Luxuskästen, die es hier nicht gibt) liegen im Schnitt bei 376 $ pro Nacht und Zimmer.

Die Investitionen der Konzerne sind auf 55 Jahre angelegt, so lange sollen die Erzvorräte noch halten; die Gasvorräte reichen noch 40 Jahre.

Die Häuserpreise liegen in der Gegend um knapp eine Million (einfachere auch ab 650'000), nach oben offen. Arbeiter müssen entweder Häuser mieten oder kaufen oder in Barackensiedlungen, Wohnwagen usw. leben. Die Mieten sind exorbitant. Wochenpreise (Monatsmieten werden nicht ausgeschrieben) beginnen bei 1200 $ (wenige), die meisten liegen zwischen 1500 und 2000$, aber auch Angebote von 5000 $ sind da. Stadt Zürich lässt grüssen.

Alle holen ab

Alle Preise hier sind hoch, in den Geschäften, in Werkstätten, in Restaurants. Das Geld sitzt eben locker, „Reservebildung“ kann nicht in die Sprache eines Landes übersetzt werden, in dem fast alles irgendwie im Ueberfluss da ist, angefangen vom Land (in Karratha nicht Bauland!) über die Ressourcen. Der Lebensstil ist, begünstigt durch das warme Klima, locker, auf Freizeit ausgerichtet, sprich Wassersport und Bar. Jeder kann sich ein schönes Auto leisten, ein Boot für das Fischen.

Eben fährt so ein Geländewagen mit grossem angehängtem Boot neben uns auf den Campingplatz. Am Steuer ein junger, kräftiger Mann, ärmelloses Unterhemd, grosse Tätowierung auf dem muskulösen Oberarm. Der Kumpel, der ihn einweist hat eine Bierbüchse in der Hand, ohne geht es nicht. Sie stellen ihr Zelt auf. Sie haben wohl einige Tage frei und gehen hier in Point Samson fischen. Beim Zeltplatz hat es ein Restaurant mit einer schönen Bar, die werden sie dann heute Abend besuchen. Pilbara wie es leibt und lebt.

30'000 Jahre

Bei Dampier gibt es eine berühmte Stätte von Petroglyphen der Ureinwohner. Das sind keine Felsmalereien sondern Einritzungen oder Abschabungen auf Felsen. Wir wandern zuerst über eine Wiese, inmitten von Hügeln aus vielen eckigen Felsbrocken. Von Weitem sehen sie aus wie grosse Schotterlager der SBB. Wir müssen wieder mal über Stock und Stein. Denn die Ureinwohner wollen keine „autobahnmässige“, leicht zugängliche Erschliessung, und das ist gut so, es gibt weniger Wandalismus auf diese Art.

Es geht ein Bachbett hoch, und wir sehen nichts. Nicht weil nichts da wäre, sondern weil wir etwas anderes erwartet haben. Es heisst zwar „Deep Gorge“, tiefe Schlucht. Aber es hat keine steilen Wände auf denen dann Bilder zu sehen wären. sondern es ist mehr ein Töbeli, ein Bachbett eben, an dessen Rand die vielen Steine liegen wie die Verwitterung sie hinterlassen hat. Und auf diesen erkennen wir plötzlich die Zeichnungen. Viele, immer wieder andere.


 



 Unsere Informationen sagen, dass die Bilder seit 30'000 bis 20'000 Jahren entstanden sind, immer wieder, bis die Ankunft der Europäer vor 400 Jahren dem ein Ende gemacht haben. Es ist schon eindrücklich, durch eine Bildergalerie dieses Alters zu stolpern (gehen ist mühsam hier). Im Internet lese ich, dass die wirtschaftliche Entwicklung das Gebiet bedroht. Das Erdgaslager ist keinen Kilometer Luftlinie weit weg.

Pneu
In Karratha haben wir das erste Mal seit der Abreise aus der Schweiz ein Pneu-Problem: Auf dem Parkplatz sehe ich plötzlich am Vorderrad links direkt über der Felge einen Geschwulst von knapp Faustgrösse. Also nichts wie hin zum Reifenhändler. Der sagt, da sei die Wand des Reifens verletzt, ich sei wohl irgendwo angestossen. Ich kann mich nicht erinnern, aber ausgetauscht werden muss der Reifen doch. Er wird in Perth bestellt, kommt in einem Tag per Lastwagenfuhre, und wir können ihn zwei Tage später abholen. Gemacht. Und da das Reserverad brandneu ist, haben wir zwei neue Vorderpneus!

Geisterstadt

Auf dem Weg ans Meer in Point Samson, wo wir die Wartezeit am Meer verbringen, besuchen wir eine der vielen Geisterstädte: Cossack. Cossack war Perlenstation und Hafen nördlich von Roeburne, dem Verwaltungszentrum der Gegend im 19. Jahrhundert (heute neben Karratha unbedeutend, starke Ureinwohner-Bevölkerung). Cossack wurde auf einer Halbinsel im Mangrovenland gegründet, weil in der Nähe Perlen entdeckt wurden.

Es hatte eine kurze Blüte, bis ein grosser Zyklon 1898 die Stadt von 400 Einwohnern mehr oder weniger flach legte. Heute sind nur noch wenige Steinhäuser zu besichtigen, denn nachdem der Hafen, der hier ungünstig war, nach Norden, nach Point Samson, verlegt wurde, zerfiel alles, die letzten Einwohner sind vor 60 Jahren ausgezogen.



In der Perlenfischerei waren viele Japaner als Unternehmer und Taucher tätig. Es gibt einen japanischen Friedhof neben dem australischen. Und auf den Perlfischern wurden auch Ureinwohner gefangen gehalten und zum Tauchen gezwungen. Die Perlfischer und auch die Farmer haben sie gejagt wie Wild, gefangen und versklavt. Die Spannungen spüren wir heute noch. Die Ureinwohner sind geprägt von Traurigkeit und latenter Aggression.

Australischer Charakter

Hier in Pilbara haben wir eine weitere Facette des australischen Charakters kennen gelernt: Die Anpassungsfähigkeit, das Achselzucken gegenüber möglichen zukünftigen Problemen. Wenn es uns heute gut geht, werden wir das auch morgen packen. Wurzeln sind wenig da, die Beweglichkeit ist gross. Heute hier, morgen dort, es wird schon schief gehen.

Das scheint mir eine der Stärken dieser Nation zu sein, die Stärke einer Einwanderergesellschaft, in der der Einwanderer nicht gefragt wird: Was warst du? sondern Was bist du? Er muss sich durchsetzen, musste sich immer durchsetzen, egal woher er kam.


22.5.12 / JB.

Freitag, 11. Mai 2012

3-12 Coral Coast


Abschied von Perth / Busch-Technorama / Badefreuden / Dünenlandschaft /
In den Outback / Urviecher friedlicher Art – die Stromatolithen / Abend am Meer / Nachtleben im Wasser / Nächtliche Strahlenpracht / Wunderliche Seen /
Trocken bis sehr trocken / Stadt in den Dünen / Früchte, Gemüse, Fische /
Weites Land / Schwimmen und Schnorcheln / Am Ningaloo Riff / Logenplatz / Fuchsgesichter und Kuhschwanzwurzeln: Die Yardie Creek Schlucht /
Graue Nomaden / Automatische Meeresbesichtigung / Schwimmen mit dem grössten Fisch der Welt / DieBegegnung(en) / Dugongs und Einhornfische
Abschied von Perth

Wir sind zum vierten Mal in Perth, wieder bei Mariannne. Hier kaufen wir nochmals ein, unter anderem Blutdruckmittel. Damit wir diese bekommen, müssen wir zum Arzt, anders tun es die hiesigen Apotheken nicht. Auch Rezepte aus der Schweiz werden nicht anerkannt. Der Doktor ist nicht mehr ganz jung, aber dafür nett und unkompliziert. Und er gleicht aufs Tüpfli dem Präsidenten der St.Gallisch-Appenzellischen Aerztegesellschaft, Pfadikollege Widersheim aus Münchwilen.



Mittagspause in Perth für Mensch und Tier

Den Bus haben wir vor dem Haus von Leslie und John abstellen können, was praktisch ist. John fährt uns in die Stadt und holt uns wieder ab. Er rät uns auch einen Film, den wir uns ansehen: The very Best Exotic Merrygold Hotel. Es hat sich gelohnt, der Film war zum schiessen lustig, bester englischer Humor, nur zu empfehlen.
Nach zwei Tagen verabschieden wir uns von Leslie und John, und vor allem von Marianne, deren Gastfreundschaft wir wirklich ausführlich genossen haben. Wir wollen die Coral Coast hoch, die sich nördlich von Perth bis Exmouth erstreckt, und die vor allem im nördlichen Teil bekannt ist für schöne Badestrände, strandnahe Korallenbänke mit vielen Fischen, direkt vor der Nase der Badenden.

Busch-Technorama

Wir fahren jetzt für einige Zeit auf der Strecke, die wir im November mit Mariannes Auto gemacht haben. Alles entlang der schönen Küste am Indischen Ozean. Das Wetter ist gut, zuerst etwas bewölkt, dann wird es immer wärmer. Hier gibt es auch im Herbst Blumen. Viele Dörfer und Städte haben die Hauptstrassen mit Blütengürteln geschmückt, und die Einfahrten zu Farmen sind oft Kunstwerke des Gartenbaus.

Unterwegs fällt mir ein Wegweiser ins Landesinnere auf: Gravitation Centre (Schwerkraft Zentrum) und Leaning Tower (Schiefer Turm). Blinker raus, mal sehen. Es war eine Ueberraschung. Mitten in einem Naturschutzgebiet steht ein wissenschaftliches Museum über die Schwerkraft, die Entstehung der Erde, Schutz der gefährdeten Pflanzenwelt. Die Gravitation können wir mit Versuchsanlagen selbst erleben.

Und wir können den Schiefen Turm besteigen. Er ist 45 Meter hoch, und unten können wir jede(r) einen Ballon mit Wasser füllen, unterschiedlich voll, damit das Gewicht unterschiedlich ist. Dann lassen wir beide gleichzeitig los, und der dickere ist schneller unten und macht einen grösseren Krater im Sand.

Im Museum wird auch ein Film gezeigt vom Riesenkrater, den ein ebenso grosser Meteor in die Wüste Nordwestaustraliens geschlagen hat. Und auch hier können wir ein grosses Stück Meteor anfassen. Schon ganz eigenartig, wenn ich denke, woher das Ding kommt, wie alt es ist, welchen Weg es genommen hat. Eindrücklich.
Die ganze Anlage ist landschaftlich sehr schön gestaltet, mit Wüsten-, Steppen-, Buschpflanzen.

Badefreuden

Jetzt können wir, solange wir an der Küste sind, jeden Tag Strandspaziergänge machen. Oder wir baden, so in Green Head oder an der Coronation Beach, an der wir nördlich von Geraldton übernachten und einen wunderbaren Sonnenuntergang geniessen. Als wir schwimmen, springen ca. 30-zentimetrige Fische vor unserer Nase immer wieder aus dem Wasser. Ein Fischer (ein anderer!) versucht sie zu fangen, vergeblich.

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In Geralton kaufen wir uns Badeschuhe für (resp. gegen!) die scharfen Klippen, denn wir wollen weiter im Norden das Riff erkunden. Ich besorge mir auch noch eine Taucherbrille und einen Schnorchel, um dann die Fische und Korallen besser sehen zu können.
Kochen tun wir an öffentlichen Grillstellen, meist auch am Meer. Sie sind sehr gut eingerichtet, mit Gas- oder Elektrogrill, Tischen und Sitzbänken. Hier in Coronation Beach ist es allerdings nicht ganz einfach, die Sachen am Platz zu halten, denn es windet böig und alles fliegt weg: Wasserbecher, Teller. Den Wein retten wir.




Dünenlandschaft
Die Küste ist ganz anders als im Süden. Die Kliffe sind draussen im Meer, verborgen im Wasser und nur durch die Brandung zu erahnen. Hier sind viele Schiffe gesunken. (Ueber das Museum mit den Resten der Batavia habe ich in Blogspot III-1 berchtet, ebenso wie über andere Sehenswürdigkeiten dieser Küste, die wir jetzt nicht nochmals ansehen.) Die Küste selbst ist oft geschützt, und sie wird, zumindest zwischen Perth und Geraldton, vor allem durch Sanddünen gebildet.

 Die Dünen sind oft hoch, meist überwachsen. Aber dann kommen plötzlich schneeweisse Sandberge, oft mehrere Kilometer im Landesinnern. Und zum Strand geht es immer zuerst bergauf und dann meist steil runter.
Hinter der Küste liegt der Getreidegürtel Westaustraliens, teilweise geschützt durch Tafelberge (so beim Chapman Valley nördlich von Geraldton). Dieser erstreckt sich nach Südosten bis Esperance. Dahinter kommt dann die Wüste.


Die Dünen schliessen oft die Flussmündungen ab. Der Greenough zum Beispiel, müht sich viele Kilometer kurz hinter dem Meer parallel nach Norden, um dann kurz vor Geraldtondoch vor verschlossener Tür zu stehen: eine Sandbank verbaut den Ausfluss. Nur bei starkem Hochwasser kommt er zum Ziel.



In den Outback
Nördlich von Geraldton beginnt dann wirklich das Hinterland, der Outback. Es wird zunehmend flach, die Getreidefelder zur Seite der Strasse verschwinden, wir fahren durch Busch und steppenartiges Gelände. Es wird auch wärmer, die Temperatur steigt deutlich über 30 Grad. Wenn wir aussteigen, brennt die Sonne ganz schön.
Nach Geraldton sind wir nochmals zurückgefahren, denn die Batterie des Wohnmobils (nicht die des Autos) hat zunehmend den Geist aufgegeben. Und ich wollte das Risiko einer kaputten Batterie im abgelegenen Norden nicht eingehen. Es war nötig, wenn auch nicht gerade billig.
Wir übernachten an der Brücke über den Murchison River, dessen Schluchten wir näher am Meer im November besuchten (Blog III-1). Hier können wir am Abend lange draussen sitzen: Es ist warm – und die vielen Fliegen gehen, glücklicherweise mit der Sonne schlafen.




Entlang der Strasse heissen die Tankstellen jetzt wieder, wie in der Nullarbor-Ebene, Roadhouses, Strassenhäuser. Sie bestehen aus Tankstelle mit Restaurant, Motel mit (manchmal) ebenfalles Restaurant, Campingplatz. Fertig, kein gescheiter Laden (ausser Souvenirs, Coca Cola, Glacé).



 Im Roadhouse

Das Warenhaus eines Roadhouses: Trockenfutter, Milch, Toilettenartikel







Unsere Ziele liegen an der Küste. Es sind Halbinseln mit Badestränden. Einmal an der Shark Bay, dann die von Exmouth.
Urviecher friedlicher Art – die Stromatolithen

Die Shark Bay ist Unesco-Welterbe. Ein Grund dafür sind die Stromatolithen von Hamelin. Stromatoliten sind die ersten Lebewesen unserer Erde (ich habe darüber schon im ersten Australienblog berichtet): Vor über zwei Milliarden Jahren begannen Zyanobakterien („Blaualgen,“, „Blaugrünalgen“) in stark salzhaltigem Wasser mit Hilfe des Sonnenlichts durch Photosynthese Kohlenstoff als Nahrung aus Kohlendioxyd zu lösen. Dabei setzten siel Sauerstoff frei. oxygene Photosynthese mit Wasser als Reduktionsmittel für die Reduktion des CO2 und mit Bildung von Sauerstoff (O2)“ sagt die Wikipedia). Dieser Sauerstoff machte die Atmosphäre zu dem, was sie heute ist, und damit zur Voraussetzung für alles nachfolgende Leben, auch des unseren!

Die Stromatolithen sind unscheinbar. Es sind Steingebilde oder Steinknollenteppiche im Wasser, die bei Flut überschwemmt sind und dann den Sauerstoff abgeben. Sie können nur überleben, wenn das Wasser viel Salz hat. Bei Hamelin ist das der Fall, denn eine grosse Sandbank über 40 Kilometer weit nördlich schliesst die Bucht fast völlig ab, wodurch der Salzgehalt das Doppelte des normalen Meerwassers beträgt, aber doch noch frisches Wasser hinzukommt.

Wir können die verschiedenen Formationen von einem Laufsteg aus betrachten, und auch die Sauerstoffblasen auf dem ruhigen Meer sehen wir.
Der Strand wird im Übrigen von kleinen Muscheln gebildet, die sich zu Steinmaterial verpappt haben. Diese Steine wurden früher mit Sägen ausgeschnitten und als Baumaterial verwendet, so zum Bau einer Telegrafenstation in Hamelin, 1884. In der weiter nördlich gelegenen Shell Beach, Muschelbucht, werden wir von Fliegen fast gefressen, wir machen den Spaziergang ans Meer mit einem Fliegennetz über unseren Hüten.

Abend am Meer
Heute übernachten wir in Fowlers Bay kurz vor Denham. Auf dieser Seite der Halbinsel gibt es fast keine Fliegen, erstaunlich, nur wenige Kilometer von Shell Beach. Die Bucht ist ganz flach, sandig. Wir sind wenig Camper, nur vier Autos. Später kommen noch Junge im PW, um eine Party am Strand zu machen, aber wir haben den schönen Platz besetzt, und sie dampfen wieder ab.

Zuerst nehmen wir ein Bad. Schwimmen ist nicht einfach, denn das Wasser ist nicht viel mehr als knietief. Aber glasklar, warm. Ich probiere meine Schnorchelausrüstung aus, sie ist perfekt. Ich bestaune einen Manta (Stingray heisst das hier), sonst gibt es wenig zu sehen. Wenn ich durch das Wasser wate, ist die Uebersicht besser. Dafür ist das Gefühl, sich auf dem Wasser treiben zu lassen und den Boden in langen Schwimmzügen zu erkunden, einmalig schön.

Dann geniessen wir einen Schluck Weissen und lesen, bis es Elo der Fliegen doch zu viel ist (sie will halt an der Sonne sitzen, im Schatten hat es fast keine), und sie kochen geht. Feuer können wir hier keines machen, daher ist Indoor Cooking angesagt. Mit dem Sonnenuntergang gehen auch hier die Fliegen pennen, und wir können draussen essen, sehr angenehm.


Nachtleben im Wasser

Den Kaffee nehmen wir nach dem Eindunkeln. Dieses geschieht sehr schnell. Um kurz nach sechs geht die Sonne unter, um halb sieben ist es dunkel, um sieben stockfinster wir bei uns spät nachts. Die Schwalben haben kaum Zeit, die Mücken zu fangen über dem Wasser, die Fledermäuse sehen wir nur kurz.
Es ist windstill, wir stellen eine kleine Kerze in ein Glas. Und schon beginnt ein frohes Treiben von Motten um das Licht. Bis das Teelicht abgebrannt ist, ist es voll von Kadavern, die dann am Ende zu knistern beginnen. Ich rauche eine Brissago, wir geniessen den Abend.

Es ist nicht nur windstill, es ist überhaupt still. Der Kühlschrank, der im Auto brummt, macht den meisten Lärm. Und plötzlich beginnt es im flachen Wasser zu leben. Es platscht und plätschert, wie wenn viele Fische springen würden. Wir gehen das ansehen, ich mit meiner Lichtmütze, die ich unterwegs mit Thomas gekauft habe (Baseballmütze mit Strahlern im Mützenschild, sehr praktisch, da ich Licht und gleichzeitig freie Hände habe). Wir sehen im sich in der Ebbe zurückziehenden Wasser ein richtiges Brodeln. Ueberall steigen Luftblasen auf, die an der Oberfläche den Lärm machen. Was es ist, wissen wir nicht. Vermutlich Krebse oder so was. Und nach einer Stunde hört alles wieder auf. Und es ist wieder ruhig, nur der Kühlschrank brummt munter weiter. Und die Sterne blinken.

Nächtliche Strahlenpracht

Und wie sie blinken. Der Sternenhimmel hier ist überwältigen. Zur Zeit ist der Mond noch ganz jung. Er ist falsch zunehmend, von links nach rechts. Wie halt so vieles falschrum ist hier in Australien: Sie fahren links, wenn du über die Strasse gehst, musst du zuerst nach rechts sehen, und das Wasser dreht sich im Ablauf auch linksherum.

Der junge Mond also stört die Sternenpracht nicht. Die Luft ist trocken und klar. Und so kommen sie alle durch und wir sehen so viele Sterne wir noch nie. Die Milchstrasse ist von blossem Auge eine dichte Wolke, die das Kreuz des Südens fast verschlingt. Wenn ich den Feldstecher nehme, werden aus einem Stern plötzlich zwei oder drei. Die Wolken der Milchstrasse lösen sich in viele Sterne auf – und in viele weitere Wolken von Sternen. Die grossen Sterne blenden im Feldstecher, und eine undeutliche Gruppe wird plötzlich ein spannendes Bild.

Der Orion ist in diesem Gewusel fast nicht zu erkennen, nur dank Gürtel und Schwertgehänge finde ich ihn. Er liegt jetzt flach über dem westlichen Horizont, der gürtel steht senkrecht, das Schwertgeänge nach links oben. Im November stand er noch kopfüber. Und da der Horizont rundrum flach ist, geht die Sternendecke bis auf Augenhöhe. Manche Sterne am unteren Rand scheinen auf die Erde zu fallen.

Wunderliche Seen

Wir sind nach Denham gefahren, der westlichsten Stadt Australiens. Sie liegt auf einer Halbinsel in der Shark Bay. Mit 1500 Einwohnern ist sie nicht klein. Hier müssen wir das erste Mal für Trinkwasser bezahlen, denn es ist sehr knapp: 1$ für 20 Liter.

Hier besuchen wir ein wissenschaftlich geleitetes Aqaurium mit kleinen und grossen Fischen. Die Haie werden alle Stunden für uns Touristen gefüttert.





Das nahegelegene Monkey Mia („Maja“ gesprochen), ist ein Hotel- und Campingkomplex, aber es bietet wenig. Am Morben werden hier Delphine gefüttert (dafür ist es berühmt, denn die Tiere lassen sich anfassen), im Garten laufen Emus rum (die wollen uns anfassen), auf den Palmen tun sich die Krähen an den Früchten gütlich (und lassen von Zeit zu Zeit was hinter sich fallen). Es ist ganz nett zum Baden. Das tun wir, denn wir bezahlen 8$ Eintritt in das Resort. Die Flut hat einen starken Zug, Delphine sehen wir keine.

Die Halbinsel ist durch viele ausgetrocknete Seen gekennzeichnet, deren Entstehung ich mir nicht recht erklären kann und für die ich keine gescheite Erklärung erhalte, wenn ich nachfrage. Sie sind rund oder oval, rundrrum steigt das ehemalige Ufer recht steil an, der Boden ist topfeben, Zuflüsse sind nicht zu sehen. Es sieht aus, wie wenn riesige Steine eingeschlagen hätten. Für Krater sind die Wände zu wenig steil oder hoch, aber doch scheint mir ein vulkanischer Ursprung die naheliegendste Erklärung.

Strasse durch den Trockensee

Trocken bis sehr trocken

Durch eine eintönige Landschaft hinter dem Meer fahren wir nach Canarvon, der nächsten grössren Stadt. Zuerst geht es 125 Kilometer nach Süden, zurück an die Hauptstrasse. Das ist hier ein Katzensprung, über solche „Umwege“ redet man nicht. Es ist warm, über 35 Grad.

Vom Overlander Roadhouse, einer der Tankstellen, Restaurants, Uebernachtungsplätze am North West Coastal Highway, der von Geraldton über 1300 Kilometer nach Port Headland führt, geht es dann nach Norden, alles flach, etwas zwischen Steppe und Wüste, und wenn einmal einige Ausläufer der Tafelberge kommen, zücke ich verzückt den Fotoapparat. Meist geht es schurgerade aus, 40, 50, 60 Kilometer. Eine leichte Krümmung der Strasse wird mit einer Warntafel „Achtung Kurve“ angezeigt, auch wenn ein PW locker mit 130 oder mehr durchfahren könnte.

Die Vegetation ist buschartig, wenig Bäume dort, wo es ausgetrocknete Wasserläufe hat. Diese aber können ganz schön kommen, wenn es im Hinterland regnet, das sehen wir. Als Tiere werden Kühe angekündigt, mal auf der Tafel nach links stehend, mal nach rechts (da werden sie dann wohl auf dem Rückweg zum Meer sein). Wir sehen keine, nur einen einsamen Ziegenbock, verwildert wohl und damit von den Naturschhützern und Farmern wenig geliebt. Dafür gibt es auch hier viele Vögel, neben kleinen und Krähen auch Falken und Adler.

Stadt in den Dünen

Den Abschluss zum Meer bilden Dünen, und in diesen liegt Canarvon, eine Stadt mit 6500 Einwohnern, ein Regionalzentrum also. Früher war Die Stadt ein kleines Nest, die Bedeutung als Hafen, die es im frühen 20. Jahrhundert hatte, ging verloren. Zeuge davon ist ein langer Bootssteg, ob er allerdings eine Meile lang ist, wage ich zu bezweifeln. Früher wurden die Güter mit einem Bähnli von der Stadt auf die Schiffe gebracht, heute transportiert der Lokiführer Touristen, die zu faul zum Laufen sind, über den Steg. Wir wandern, es ist schön, heiss, etwas schwül. Anschliessend gehen wir baden, die Delphine sehen wir vor uns, sie kommen aber nicht zu uns, auch wenn ich ihnen gut zurede.



 Fischen und Futtern

Auffällig ist der grössere Anteil von Aboriginies, Vertretern der Urbevölkerung also, als weiter im Süden. Aber das soll im Norden generell so sein. Wir legen einen Ruhetag ein, waschen, kaufen ein, schreiben, baden…..

Früchte, Gemüse, Fische

Hier mündet der Gascoyne River, ein grosser Fluss, der allerdings trotz starken Niederschlägen vor rund einem Monat, weitgehend trocken ist, von Rinnsalen und Tümpeln abgesehen.





Aber entlang des Flusses blüht die Landwirtschaft mit Früchten und Gemüse. In der Saison liefert die Gegend ein Drittel des Früchte- und Gemüsebedarfs von Westaustralien. Saison ist im australischen Winter, Mai – Oktober, da es sonst zu heiss ist. Wir kaufen vom Bauern eine Melone, Bananen (Canarvon ist berühmt dafür), eine Avocado, Bohnen. Der samstägliche lokale Markt – und heute wäre Samstag –, findet allerdings erst im Mai statt, und es ist der letzte Samstag im April!

Neben der Landwirtschaft blüht hier auch die Fischerei. In einem ausgezeichneten Fischladen schlagen wir zu: Frische Austern (schon gegessen!), ein Stück Snapper, ein Stück Seebarsch, Crevetten, Tintenfisch, Jakobsmuscheln. Das werden gute Abendessen!

Weites Land

Durch eine eintönige aber eindrückliche Landschaft fahren wir nordrwärts, immer parallel zum Meer, bis zum Minilya Roadhouse auf dem North Western Coastal Highway, dann auf der Minilya Exmouth Road.





Unterwegs sehen wir Spuren des grossen Wirbelsturms von vor gut einem Monat: Es hat viel geregnet, daher ist immer wieder ein Schimmer von Grün in der Steppe, auch an kleinen, jetzt oberflächlich wieder vertrockneten Wasserläufen, hat es grüne Pflanzen.



Und in einzelnen Flüssen ist in Tümpeln noch Wasser zu sehen. Fliessen tun sie allerdings nicht mehr.





Die Steppe ist übersät mit grossen Termitenburgen






Strassentafeln geben uns wichtige Hinweise. So zum Beispiel, dass wir den südlichen Wendekreis, den des Steinbocks nach Norden überqueren.




Oder dass es nun nur noch wenig Wasser gibt.






Schwimmen und Schnorcheln

Wir biegen ab an die Küste nach Coral Bay, dessen Bucht berühmt ist für Schwimmen und Schnorcheln. Sie wird durch ein aussen liegendes Korallenriff so geschützt, dass keine Brandung besteht, das Wasser immer ruhig ist. Nach etwa 40 (Ebbe) bis 80 (Flut) Metern ganz flach, fällt die Bucht dann ab, und hier stehen viele Korallenstöcke, an denen ich mit dem Schnorchel die die Vielfalt der Fische bewundern kann. Grosse, kleine, schwarze, farbige, lange (ganz lange!), kurze (fast runde). Sie schwimmen am Boden oder direkt vor meiner Nase. Am schönsten ist es am Morgen, das sind sie lebhaft, suchen Futter, das Licht ist gut, und bei Ebbe sind sie ganz nah.

Elo schwimmt mehrmals am Tag. Wir sind drei Nächte dort, haben also alle Musse. Allerdings dachten wir nicht, dass wir es so lange aushalten. Der erste Campingplatz ist fürchterlich: eng, überlaufen, sandig und staubig. Wir wollen nichts wie weg. Als wir dann am Morgen ohne schwimmen abfahren, kehre ich nach wenigen Kilometern um: Wenigstens Baden will ich. Das tun wir, es ist schön.

Und es gibt ja noch einen zweiten Campingplatz. Den schauen wir uns an, und siehe da, wir haben Glück. Es hat einen wunderschönen Stellplatz, direkt gegenüber des Strandes, mit einer Wiese davor, die nicht vermietet wird. Wir bleiben noch zwei Nächte und geniessen es.




Ningaloo Riff
Der Ningaloo Marine Park, der das Ningaloo Riff umfasst, geht von der Nordspitze des North West Cape, das den Exmouth Gulf nach Westen abschliesst, weit nach Süden. Ueber mehrere Hundert Kilometer schützt ein küstennahes Riff das Dahinter liegende Wasser, in dem Korallen und Fische in grosser Vielfalt gedeihen. Das Riff ist das grösste küstennahe Riff in Australien und Unesco-Welterbe.


 
Coral Bay gehört auch schon dazu, aber die schönste Strecke ist direkt südlich des Nordwestkaps, im Cape Range National Park. Das Klima ist semi-arid, halbtrocken, auch wenn wir es als sehr trocken empfinden. Die grossen Stürme des Sommers bringen aber immer wieder neues Wasser, auch wenn es wenig ist. Hier gibt es viele Stellen zum Baden und Schnorcheln, die Uebernachtung ist auf freien Campingplätzen am Meer möglich.

Emus am Kap

Erschlossen wird das von Exmouth aus, einer Kleinstadt, die vor allem vom Tourismus lebt, sowie von einer interkontinentalen Funkstation und der nahe gelegenen Luftwaffenbasis. Hier übernachten wir und bereiten uns vor, denn wir müsse alles mitnehmen: Essen, Wasser, Strom. Auf dem Weg hierher haben wir Kuherden gesehen, mitten in der Steppe, ohne Schatten, bei knallender Hitze und weit über dreissig Grad.

Logenplatz

Im Park ergattern wir einen der letzten Stellplätze, und was für einen: In der Osprey Bay, benannt nach dem Fischadler, stehen wir direkt an der Küste. Eigener Zugang zum Meer, das zwar etwas unruhig ist, aber ohne grosse Wellen, denn das einige Hundert Meter aussenliegende Riff schütz die Küste wirklich. Es ist am Tag windig, was aber nicht sehr stört, denn wir suchen den Schatten unseres Gefährts, es ist heiss, die Sonne knallt. Allpot und gli wider gehen wir schwimmen, ich schnorchle, es hat schöne Fische.


Und am Abend stellt der Wind ab, wir sitzen bei starkem Mondschein vor dem Auto und geniessen die Nacht. Der Abendstern macht eine Lichtspur, die draussen donnernde Brandung hören wir als rauschen, und unten plätschert die Flut an die Felsen. Es ist wirklich wie im Theater: Empore Mitte, aber praktisch allein. Die anderen Camper sind recht weit weg, sie stören nicht, gehen früh ins Bett. Um sieben ist ja auch tiefste Nacht.


In den Meerespflanzen der Bucht hat es viele schöne Fische, die ich per Schnorchelbrille bewundere. Dass dabei die Atemwege eine intensive Salzkur abbekommen, gehört dazu, soll auch gesund sein. Auf jeden Fall hat es nachher immer ganz schön Wasser in den Nebenhöhlen, und wenn ich mich nach etwas bücke, läuft es eine Zeitlang wie ein Brünnlein.

Fuchsgesichter und Kuhschwanzwurzeln: Die Yardie Creek Schlucht

10 Kilometer weiter im Süden ist die Schlucht des Yardie Creek. Der Yardie hat sich in den Barg gefressen, als sich die Erdkruste hier vor Zig-Millionen von Jahren gehoben hat. Es ist der einzige Fluss im Park, der immer Wasser hat. Dieses ist aber salzig, denn die Mündung ist auch hier durch eine Sandbank verstopft, durch die aber bei Flut Salzwasser eindringt. Alle paar Jahre kommt ein Riesenregen, dessen Wasser die Sandbank wegspült. So vor 13 Jahren, als es in 24 Stunden 200 Millimeter regnete. Dann war die Mündung drei Jahre offen, seither ist sie zu.

Wir machen eine kleine Flussfahrt und eine Wanderung auf der Oberkante der Schlucht. Auf dem Wasser staunen wir über die Farbenpracht: türkisfarbenes Wasser, Grün in allen Schattierungen, Rot-, Braun-, Grün- und Grautöne der Felsen, stahlblauer Himmel mit wenigen weissen Wolken. Wir sehen zwei der sehr seltenen Schwarzfüssigen Stein-Wallabys (Black Footed Rock Wallaby), känguruähnliche Beuteltiere, die nur etwa 60 Zentimeter gross sind, grauschwarz schön gezeichnet, mit Gesichtern wie Füchse und schwarzem, langem, buschigem Schwanz. Sie wohnen in den Felswänden. Sie sind stark bedroht, da ihnen unter anderem das Futter ausgeht, denn die verwilderten Ziegen fressen alles ab. Radibutz.

Von den Pflanzen beeindrucken uns Büsche mit langen Luftwurzeln, die unten ein Geflecht haben, das an das Ende eines Kuhschwanzes erinnert. Dieses hängt kurz über dem Wasser, das ja salzhaltig ist, und damit nichts für die Sträucher. Aber in der Tageshitze verdunstet reines Wasser, und diese Feuchtigkeit entziehen die feinen Wurzeln der Luft und bringen es dann mehrere Meter hoch zur Pflanze.





Die anschliessende Wanderung ist schön, aber anstrengend. Vor allem die Hitze und der austrocknende Wind machen das Klettern über die grobkantigen Steine zur sportlichen Anforderung. Wir sind froh, anschliessend schwimmen zu können.





Graue Nomaden

Im Park müssen wir zügeln, der Stellplatz kann per Internet gebucht werden, er war nach zwei Nächten dann besetzt. Wir selbst sind etwas benachteiligt, denn im Park selbst gibt es kein Telefon- und damit kein Internetempfang. Aber wer schon im Park ist, kann jeweils frühmorgens um halb acht den „Gastgeber“, Host, wie die freiwilligen Aufseher heissen, bitten, per Parkfunk einen neuen Platz zu suchen. Der Eintritt für Reisende ausserhalb des Parks ist erst um acht und so haben wir Vorteil.

Und wir haben wieder Glück. In Neds Camp ist was frei. Wir müssen vor neun dort sein, und wir sind die ersten und können auslesen. Wir nehmen den Honeymoon Corner, die Ecke der Hochzeitsreise. Nicht des Namens wegen, sondern weil der Platz wieder einmal einmalig schön ist. EineTamariske spendet den ganzen Tag Schatten, vor uns nichts als die grosse Düne, auf der die Kängurus sich tummeln.


Die Campingplätze im Park werden von Freiwilligen in Ordnung gehalten, die dann dafür hier gratis campieren können. Wir zahlen 7$ pro Person und Nacht. Hier in Neds Camp sind es Norm und Gwen Sie waren die ersten solchen Freiwilligen in ganz Westaustralien, als sie vor 27 Jahren damit begonnen haben. Der Platz ist tiptop im Schuss.



Um halb 6 bei Sonnenuntergang gibt es an einem grossen Tisch am Strand die „Happy Hour“. Alle kommen zusammen, jeder bringt sein Getränk selbst mit, man plaudert, lernt sich kennen. Ausgezeichnet. Sowas zuhause? Warum nicht. Am Sächsi im Sächsi: Um 6 im Hauweg 6 vor dem Haus…?

Wir fragen Norm, warum hier oben so ein Andrang sei, die Ferien und die Feiertage seien jetzt doch vorüber. „Grey Nomads“, Graue Nomaden, ist die Antwort. „Genau wie Ihr!“ Die Senioren fliehen den Winter in Campingvehiklen und reisen nach Norden, an die Strände, die Wärme. Die Bucht ist schön zum Baden, auch wenn bei Ebbe das Wasser eher knapp ist.

Automatische Meeresbesichtigung

In der Turqoise Bay ist das Wasser wirklich türkisfarbig. Das Riff ist nah, es entsteht eine konstante Strömung hin zu einer Lücke. Durch diese fliesst das Wasser, das in der Brandung über das Riff schwappt, zurück ins offene Meer. Wenn man ein Stück den Strand hoch geht, treibt einem diese Strömung automatisch über die Korallenstöcke mit der vielfältigen Fischwelt. Es ist faszinierend, man muss nur aufpassen, dass man rechtzeitig aussteigt und nicht vom Strom nach draussen erfasst wird.

Anschliessend fahren wir für eine Nacht nach Exmouth zurück, denn wir brauchen neues Wasser – im Park gibt es kein Trinkwasser – und auch Lebensmittel. Wir werden dann nochmals 3 Tage in Neds Camp im Park am Strand sein, ab von der Welt, in Sonne und Wind.


Und ausserdem habe ich ein Geburtstagsgeschenk erhalten:

Schwimmen mit dem grössten Fisch der Welt
Ich mache einen ganztägigen Schnorchelausflug zu den Walhaien, den grössten Fischen der Welt. Vegetarier. Elo, der so etwas wenig sagt, bleibt den Tag in der „Stadt“, sie geht an den nahen Strand. Ich werde am Morgen früh vom Campingplatz abgeholt; in einem Minibus wird die Gruppe von 20 Touristen zum Riff gefahren. Dort werden wir mit einem Glasbodenboot die kurze Strecke zum Schiff getendert.

Zuerst erhalten wir eine Einführung ins Riff, ins Thema Walhaie, ins Schnorcheln. Die Crew besteht zum Teil aus studierten Meeresbiologen, alle sind aufgestellt und freundlich. Wie unsere Schilehrer arbeiten sie die Saison von 5 bis 7 Monaten, dann gehen sie selbst schwimmen, schnorcheln, tauchen nach Norden, Indonesien, Südsee, Philippinen usw.





 (Bild: 3 Island Tours)


  (Bild: 3 Island Tours)


 (Bild: 3 Island Tours)

Der Walhai ist der grösste Fisch unseres Planeten, ein reiner Pflanzenfresser. Er erinnert mich an die Politik: Riesenschnauze und ganz kleiner Schlund zum Verdauen. Er wird über 15 Meter lang, pro Meter wiegt er eine Tonne. Er ist dort, wo ihm nördlich und südlich des Aequators die Wassertemperatur passt und wo es viel Plankton gibt. Das ist hier von März bis Oktober der Fall, und er ist stetiger, regelmässiger und örtlich zuverlässiger Gast.

(Bild: 3 Island Tours)

Vieles ist noch unklar über den Fisch, so die Vermehrung weitgehend. Bei einem Weibchen konnte man feststellen, dass es die ganze Kette der Schwangerschaft in sich trug, von Eiern bis zu kurz vor der Geburt stehenden Jungen. Sie gibt also dauernd Junge ab, die sofort selbständig sein müssen und daher sehr gefährdet sind. „Grasen“, also mit aufgesperrtem Rachen das Plankton einsaugen und dann bei den Kiemen ausfiltern, tun sie an der Oberfläche, aber sie können weit abtauchen. Ein Messgerät, das einem der Fische angebunden wurde, implodierte infolge des Wasserdrucks bei 1500 Metern Tiefe; es müssen also mehr sein. Hier am Ningaloo-Riff kommen keine ganz grossen, sondern solche von 4 bis 10 Metern.

Die Begegnung(en)
Nachdem wir zunächst auf den Korallen hinter dem Riff geschnorchelt sind, geht es durch eine Lücke raus aufs offene Meer. Wir dürfen uns eine Stunde zwischen den Fischen aufhalten, dann hat wieder Ruhe zu herrschen. Geortet werden die Fische mit kleinen Flugzeugen, jeder Tour Operator hat sein eigenes. Wir werden in zwei Gruppen eingeteilt, jede hat ihre Führerin. Wir nähern uns den Fischen frontal, müssen dann aber – die Schnorchler und das Boot – dem Fisch den Weg frei machen. Also muss das Timing stimmen. Wenn wir im richtigen Abstand sind, springen wir alle miteinander aus dem Boot, formieren uns auf einer Linie, und dann den Kopf ins Wasser, und nach vorne geschaut.

(Bild: 3 Island Tours)

Das Wasser ist dunkelgrün bis blauschwarz. Plankton flimmert im Sonnenlicht. Nichts, nur eine schummrige Wasserwand. Die Führerin zeigt aufgeregt nach halbrechts. Ich sehe nichts, aber da muss doch was sein. Bin ich blöd oder blind.

Und plötzlich – wie aus der Tiefe des Nichts – ist er da, schwimmt direkt auf mich zu.



 (Bild: 3 Island Tours)

Riesengross, ein breites Maul, an dem kleine Fische sich angesaugt haben, abgespreizte Seitenflossen, die für Haie typischeHaie Rückenflosse und die grosse Schwanzflosse. Der Fisch ist übersät mit hellen Punkten.


 
 (Bild: 3 Island Tours)

 
Majestätisch gleitet er an mir vorbei.


 

 (Bild: 3 Island Tours)

Die Schwanzflosse schlägt direkt vor meinen Augen gemächlich und treibt ihn voran. Ich versuche, ihm zu folgen, aber das ist aussichtslos.



 
 (Bild: 3 Island Tours)

So verschwindet der Walhai wieder im blaugrünschwarzen Wasser, und mir bleibt das Staunen.

 (Bild: 3 Island Tours)

Wir sehen zwei verschiedene Wale mehrmals. Der eine ist 6 Meter lang, der andere 5; 6000 respektive 5000 Kilo Fisch. Mal kommen sie von der Seite, mal direkt auf uns zu. Oft sind sie fast zum Anfassen nahe, sicher nicht mehr als die 3 Meter vorgeschriebener Abstand. Insgesamt sind es 6 Begegnungen, ein Walhai taucht ab, gerade als wir im Wasser sind.
Der Eindruck ist überwältigend.
Dugongs und Einhornfische
Auf der Rückkehr können wir noch zwei Seekühe, Dugong heissen sie hier, kurz beobachten. Sie grasen in geringer   Tiefe das Seegras ab, und kommen jeweils kurz zum Luft holen an die Oberfläche. Sie sind sehr scheu, schwer zu beobachten. Von weitem sehen sie aus wie U-Boot-Torpedos, wenn sie mit ihrem Schwanz beschleunigen. Das Maul zum Luft holen ist ein grosses rundes Loch vorne an einem Schlauch.
(Bild: 3 Island Tours)

Im Riff schnorcheln wir noch einmal, und ich sehe neben Steinfischen, die kaum von der Oberfläche zu unterscheiden sind, kleine Welse und einen sehr schönen Einhornfisch. Er hat auf der Stirne einen Dorn abstehen, 30 Grad nach oben, oder wenn er schwimmt, grad nach vorn. Die Schildkröten haben sich vor mir versteckt.

Auf dem Schiff wurden wir gut betreut und verpflegt. Nach dem Mittagessen – Huhn, Wurst, Salate – bin ich müde, ich lege mich einfach auf den Boden und schlafe eine kurze Weile zum Geräusch des unter mir dröhnenden Motors.

 (Bild: 3 Island Tours)





Am Abend bin ich ausgetrocknet, brauche viel Wasser und ein Bier. Und ich bin hundemüde, denn das stetige ins Wasser gehen, schwimmen, wieder raus, die Spannung und dann die Aufregung beim Anblick des Fisches, es war doch ein sportlicher Tag.

Das war ein schönes Geburtstagsgeschenk, danke Elo!

11.5.2012 / JB.